Archiv für die Kategorie ‘Unterwegs’

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Sonntag, 11. September 2011

Der Zufall wollte es, dass ich heute vor genau zehn Jahren mit einer Gruppe von Freunden und Studienkollegen auf Urlaub in New York war. Die folgenden Bilder, und weitgehend unverändert auch die Texte, stammen aus dem Backup eines längst verschollenen Webalbums, das ich nach unserer Heimkehr für meine Fotos erstellt hatte. Der heutige Jahrestag hat mich endlich dazu bewogen, diese Erinnerungen dem Vergessen zu entreißen – auch dem eigenen – und euch hier von einem zehn Jahre jüngeren Ich schildern zu lassen, wie das „damals“ war, aus seiner Sicht…

Ich bin sicher, ich habe vor Ort viel länger gebraucht, das Ganze zu realisieren, als viele der Millionen Menschen, die die Ereignisse im Fernsehen mitverfolgt haben.

Drei Tage vor seinem Einsturz waren wir noch selber auf dem Südturm. Haben uns im 107. Stock den simulierten Heli-Flug über Manhattan gegeben. Die Greenbox gesehen, vor der Touristen sich ablichten ließen, um übergroß in Souvenirbilder einmontiert zu werden, wie sie scheinbar auf den Dachkanten der Türme balancieren oder mit lachendem Gesicht von ihnen herabfallen. Haben unsere Nasen an die vom Boden bis zur Decke reichenden Fensterscheiben gedrückt, so dass uns nur mehr das Plexiglas vom 400 Meter tiefen Abgrund trennte. Auf der Plattform ganz oben die unglaubliche Aussicht genossen. Wir blieben vom späten Nachmittag bis zum Abend, um auch die Lichter der Stadt sehen zu können.

Unten am Plaza habe ich noch ein letztes Mal hochgesehen. Diese beiden gewaltigen Tower gleichzeitig im Blick gehabt. Ich erinnere mich, dass ich den WTC-Plaza teilweise rückwärts gehend verlassen habe, immer wieder staunend zurücksah.

Es war unvorstellbar, dass geschehen konnte, was geschehen war. In Reiseführern war von einem Flugzeug der US-Luftwaffe zu lesen, das gegen das Empire State Building geflogen war, ohne größeren Schaden am Gebäude zu hinterlassen. Auch vom Anschlag auf das WTC 1993 war zu lesen, ebenso ohne größere Folgen. Diese Gebäude schienen kaum verwundbar. Umso größer der Schock, das Entsetzen, die Fassungslosigkeit. Am 11.9. und in den Tagen danach.

Das „Linzer Auge“ – gekentert (Update)

Freitag, 4. Juni 2010

Das „Linzer Auge“, beeindruckendes Wahrzeichen grenzüberschreitender Ingenieurskunst (in Österreich fehlgeplant, in der Slowakei fehlkonstruiert), hat in der Nacht auf heute Heimweh nach seiner Werft in Bratislava bekommen und sich im Zuge des Donauhochwassers aus der Verankerung gerissen.

Weit gekommen ist es allerdings nicht – gerade mal knapp 200 Meter bis zur nächsten Schiffsanlegestelle, wo die gekenterte Stahlplattform nun geborgen wird. Und so – Ende gut, alles gut – endlich zu jener Attraktion wird, als die es immer geplant war, irgendwie…

Hier ein paar Handy-Impressionen von der Bergung und im Update nun auch vom Bergegut:

In Linz, da stinkt’s (wieder)

Sonntag, 11. Oktober 2009

Meine Generation hat sich oft gefragt, wie konnten unsere Großeltern nur auf diesen Hitler reinfallen. Wie konntet ihr da nur mitmachen? Ich fürchte, unsere Kinder geben uns die Antwort.

„Schon mal mit White-Power-Idioten im Bus gefahren, die sich mit Hitlergruß v. Ausländerfamilie verabschieden? In Linz beginnt’s!“, schrieb ich am 19. Juni auf Twitter. Und gestern hatte ich wieder eine denkwürdige Busfahrt in Linz…

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Samstag Nachmittag. Im 15er gerade noch nen Sitzplatz ergattert. Auf der Bank hinter mir drei Teenager. Zwei junge Frauen und ein Mann, den Stimmen nach.

„Des mog i scho, wenn sich einer aufregt und net amoi gscheit Deutsch kann.“, ereifert sich eins der Mädchen. Es entspinnt sich ein Dialog, von dem aufgrund des Lärmpegels nur Fragmente zu verstehen sind…

Als „Rechts-EXTREMER“, deklariert sich darin der junge Mann hinter mir. Er betont das zweite Wort in einer Art, als könne „Rechts“ ja schnell wer sein, aber „extrem“, da schwingt ein ganz spezieller Stolz mit, in der Stimme.

Der Name Hitler fällt und einige andere Begriffe aus der selben Ecke. Von Glatze scheren reden die Mädls scherzhaft. Der Junge beruhigt, das sei nicht mehr so und erwähnt die „Oide“ von einem Freund, der man auch nicht ansähe, „dass sie ein Nazi ist“.

Die Mädchen erzählen von ihrer Schule, dass sich die Direktorin immer furchtbar aufrege und die Polizei rufe, wenn jedes Jahr wieder in den frischen Schnee „so ein Ding…“ Er: „Hakenkreuz“ – ja, so ein Hakenkreuz, gut sichtbar gegenüber der Schule in den Schnee gemalt werde. Er: „Nur in den Schnee? Ich hab mal fast [sic!] a Anzeige gekriegt, weil ich eins auf ne Mauer … sooo groß“. Da ist er wieder, der Stolz in der Stimme.

Einen Freund erwähnt er noch, mit dem er demnächst nach Auschwitz fährt – im Rahmen der Schule, hoffe ich, doch sicher bin ich nicht.

Beim Aussteigen will ich dann doch kurz sehen, wie dieser Vollblut-Rechtsextreme mit der leicht heiseren Stimme aussieht. Ich drehe mich um und … blicke in das Gesicht eines Kindes, bürgerlich, adrett gekleidet, mitten im Stimmbruch, vielleicht 12, wenn’s hoch kommt 13 Jahre alt.

Der Betrunkene, das Münztelefon und das Taxi – Eine Bahn(hofs)geschichte in drei Akten

Samstag, 9. August 2008

Herbert und Martha kennt ihr ja schon. Heute mal wieder eine Bahngeschichte, wie sie das Leben schrieb.1) Aus jener Zeit, in der Münztelefone noch täglich gefüttert wurden und sich nicht anderweitig verdingen mussten.

1. Akt

Mann (mitte 50, nicht ganz nüchtern) betritt die Wartehalle und geht zum Telefon. Er wirft eine Münze ein. Die Münze fällt hörbar in die Geldrückgabe. Der Mann hebt den Hörer ab. Wählt. Hört offenbar nur ein Tuten im Hörer. Leicht verwirrt legt er den Hörer wieder auf und will hinausgehen. Ich hole die Münze aus dem Rückgabefach und bringe sie ihm nach. Der Mann verlässt das Bahnhofsgebäude.

2. Akt (eine Minute später.)

Mann betritt erneut die Halle – geht wieder zum Telefon. Versucht wieder (erfolglos) zu telefonieren. Währenddessen betritt eine Taxifahrerin (T) die Halle und geht zu dem Mann (M).

T: Sind Sie der Herr, der ein Taxi bestellt hat?
M: Nein.
T: Vom Bahnhofscafé aus?
M: Nein.

 

Taxifahrerin geht ab in Richtung Café. Mann kämpft weiter mit den Tücken des Münztelefons.

Nach einigen weiteren Neuinterpretationen der Bedienungsanleitung (zB: Münze einwerfen – Abwarten bis Münze ins Geldrückgabefach gefallen ist – Wählen – Hörer abheben) scheint er erstaunlicherweise Erfolg zu haben, obwohl die Münze in die Geldrückgabe gefallen war:

M: Ja Hallo? … Was? … Rettung?! … Äh – Entschuldigung.

 

Mann legt wieder auf. Taxifahrerin kommt vom Bahnhofscafé zurück.

T: Die Dame im Restaurant hat mir aber gesagt, dass sie für Sie das Taxi bestellt hat!
M (lallend): Ich hab kein Taxi bestellt.

 

Frau geht zurück zum Taxi. Mann geht Richtung Bahnhofstoilette.

3. Akt (einige Minuten später)

Mann kommt zurück. Geht wieder zum Telefon. Hebt nun zuerst den Hörer ab und wirft dann das Geld ein. Wählt ziemlich unsicher. Verbindung kommt zustande – hat sich aber offenbar wieder verwählt. Immerhin kann ihm der andere Gesprächsteilnehmer zumindest die richtige Telefonnummer sagen:

M: Sie sind nicht…?! 17 18? … Ah 17 18 muss ich wählen – danke.

 

Mann legt auf und wählt nun diese Nummer (sie steht auch groß auf einem Aufkleber neben dem Telefon)

M: Hallo? Taxizentrale?! Ja, ich brauche ein Taxi vom Bahnhof – in Lambach, ja. Danke! … Wiedersehn.

 

Mann legt auf. Münze fällt in Geldrückgabe. Mann geht ab.

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  1. Ich könnte mir sowas auch gar nicht ausdenken. [↑]

Von Linz nach Graz – Bahn fahren wie 1965

Montag, 2. Juni 2008

Dieses Wochenende hatte ich das zweifelhafte Vergnügen einer Fahrt im IC auf der Pyhrnstrecke Linz-Graz. Habt ihr den Haken eben bemerkt? Ich schrieb InterCity, nicht ÖBB InterCity. Natürlich sind beide von den ÖBB, dennoch sollte man auf diese vermeintliche Kleinigkeit achten. Der Unterschied für den Kunden ist nämlich gewaltig: Ca. 40 Jahre Eisenbahngeschichte!

Ich bin natürlich auch drauf reingefallen. Das ist wohl auch der Sinn dieser kleinen, fiesen Marketing-Finte: Für Uneingeweihte so tun, als wären alle InterCity auf ungefähr dem selben Niveau. Unterscheiden sich ja nur in dem selbstverständlich wirkenden Zusatz „ÖBB“, der kaum den Verdacht erweckt, in Wahrheit eine völlig andere Zug-Gattung zu bezeichnen.

Selbst die Beschreibung der Zugkategorien auf der ÖBB-Homepage lässt nicht ansatzweise erahnen, wie groß der Unterschied in der Realität ist. Hier der „ÖBB IC“:

Höchste Qualität in Ausstattung und Service:
ÖBB EC/IC 2. Klasse

  • elegante Sitzgarnituren in edlem Design
  • verbesserter Handyempfang durch spezielle Verglasung
  • ausschließlich klimatisierte Züge
  • Stromanschluss für Laptops oder andere elektronische Geräte

[…]

Der ÖBB IC bietet die selbe komfortable Ausstattung wie der ÖBB EC mit dem Unterschied, dass kein Speisewagen mitgeführt wird und Ihre Betreuung im ÖBB IC durch ein mobiles Bordservice erfolgt.

Quelle: ÖBB »

 

Als regelmäßig Reisender auf der Westbahnstrecke kann ich das bestätigen. Die „ÖBB IC“ sind absolut auf der Höhe der Zeit und auf langen Fahrten meist angenehmer, entspannender und schneller als das Auto.

Und das ist laut ÖBB der „IC“ (ohne „ÖBB“ vorne dran):

InterCity
Auch in den InterCitys, den nationalen Taktzügen zwischen den großen Städten und Touristikzentren, genießen Sie erstklassigen Komfort.

Quelle: ÖBB »

 

Hmmm, etwas einsilbig, findet ihr nicht auch? Ich denke, diese Beschreibung wäre noch ausbaufähig. Liebe ÖBB, wie wär’s, wenn wir sie um ein paar Eindrücke von meiner (hoffentlich) letzten Fahrt auf der Pyhrnbahn ergänzen:

InterCity

ÖBB 4010 Garnitur

Genießen Sie das Flair längst vergangener Zeiten. In unseren historischen Eisenbahngarnituren aus den 60er Jahren…

 

ÖBB 4010 – Gang

können Sie sich noch mal so richtig zurückversetzen lassen…

 

ÖBB 4010 – Fensterplatz

in eine Zeit, in der noch nicht Stress und Hektik den Alltag bestimmten.

Selbstverständlich müssen Sie dennoch auf keinerlei Komfort verzichten.

 

ÖBB 4010 – Ausziehtisch

Ablagen für Notebooks und modernste Multimediageräte sind ebenso selbstverständlich, wie…

 

ÖBB 4010 – Vorhang

eine CO2-neutrale Klimaanlage mit integriertem UV-Sonnenschutz in jedem Abteil.

 

ÖBB 4010 – Schalter für Licht und Lautsprecher

Mit etwas Geschick können Sie sogar Ihre elektronischen Geräte an unser Bordnetz anschließen.

 

ÖBB 4010 – Kleiderhaken

Und liebevolle Gestaltung bis ins kleinste historische Detail, lässt Ihre Reise zum unvergesslichen Erlebnis werden.

Also, warten Sie nicht länger! Besuchen Sie uns in einem der ÖBB-Servicecenter und buchen Sie Ihre Reise von gestern, zu Preisen von morgen.

Wir freuen uns auf Sie!

 

Zukunft am Zug?

Ja, was da zwischen Linz und Graz verkehrt ist tatsächlich eine historische 4010er Garnitur. Diese Baureihe wurde laut Wikipedia bei den ÖBB zwischen 1965 und 1978 in Dienst gestellt.

Immerhin wurden diese Züge in den 90ern „modernisiert“ und bieten nun folgende zeitgemäße Annehmlichkeiten:

  • Kein Strom
    Als ich den Zugbegleiter Schaffner nach einem Waggon mit Steckdose fragte, sah er mich kurz an, als wäre ich ein Zeitreisender aus der Zukunft.
  • Kein Klima
    O-Ton Schaffner: „Es gibt schon einen klimatisierten Waggon, aber dort ist es heißer als hier, weil die Anlage zu wenig kühlt und die Fenster ja nicht aufgehen.“ Wenige Minuten später sah ich seine Aussage bestätigt. Reisende wanderten durch die Gänge und suchten unter Abgabe tlw. nicht zitierfähiger Unmutsäußerungen einen neuen Sitzplatz. Sie hatten vergeblich gehofft, die Klimaanlage würde nach Abfahrt des Zuges „anspringen“.
  • Kein Service
    Okay, der mobile Bordservice nervt meistens eh nur.
  • Polstermöbel aus Großmutters Zeiten
    die nach spätestens zwei Stunden Fahrt deutlich spüren lassen, dass eine konvexe Sitzwölbung nicht dem Gesäß-Design eines Reisenden auf unserem Planeten entspricht.
  • Eine sagenhafte Durchschnittsgeschwindigkeit von 60 km/h
    Damit um über eine Stunde längere Fahrzeit von Linz nach Graz als mit dem Auto. Ein Gutes hat’s: Die Gefahr eines Deliriums Furiosum1) dürfte sich in Grenzen halten.

Tja, „Zukunft am Zug“ lautet der ÖBB-Werbeclaim. Von „im“ war nie die Rede.

Reisen 2. Klasse

Richtig verarscht fühlt man sich aber erst, wenn man auf so einer Nostalgiefahrt Richtung Graz hin und wieder nach rechts aus dem Fenster blickt. Da hat man, den Berg hoch, oft einen wunderschönen Blick auf die mit Milliardenaufwand neu gebaute Pyhrnautobahn. Eine moderne, komfortable Hochgeschwindigkeitsstrecke für den erdölgetriebenen Individualverkehr. Mit unzähligen Brücken, Tunnels, Unterflurtrassen. Kein Aufwand war hier zu hoch, um jede überflüssige Fahrminute zu eliminieren und die Strecke an die Anforderungen des 21. Jahrhunderts anzupassen.

Das Traurige: Selbst wenn man heute noch anfinge, würden wohl an die 20 Jahre vergehen, bevor man über die Bahn dasselbe sagen könnte. Kein Wunder, dass die meisten Menschen lieber in den sauren Apfel steigender Benzinpreise beißen. Der öffentliche Verkehr ist hier zum Notnagel für Randgruppen verkommen, die keine andere Wahl haben. Aber er ist Lichtjahre davon entfernt, eine konkurrenzfähige Alternative zu sein, auf die man gerne und freiwillig umsteigt.

Auf die Pyhrnbahn umsteigen werde auch ich nie mehr. Jedenfalls nicht freiwillig. 500 Schilling 35 Euro sind mir schlicht zuviel für diese Form des Zeitreisens. Die nächste Fahrt nach Graz findet wieder mit dem Auto statt, wenn es sich mit Freunden nur irgendwie einrichten lässt.

Und hin und wieder werde ich dann, oben auf der Autobahn, in Gedanken mal hinunterschaun, auf die armen Reisenden da unten, im Jahre 1965.

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  1. Begriff aus einem historisch umstrittenen med. Gutachten zur Einführung der Eisenbahn im Jahre 1835: „Ortsveränderungen mittels irgend einer Art von Dampfmaschine sollten im Interesse der öffentlichen Gesundheit verboten sein. Die raschen Bewegungen können nicht verfehlen, bei den Passagieren die geistige Unruhe, ‚delirium furiosum‘ genannt, hervorzurufen. Selbst zugegeben, dass Reisende sich freiwillig der Gefahr aussetzen, muss der Staat wenigstens die Zuschauer beschützen, denn der Anblick einer Lokomotive, die in voller Schnelligkeit dahinrast, genügt, um diese schreckliche Krankheit zu erzeugen. Es ist daher unumgänglich nötig, dass eine Lärmschutzwand Schranke, wenigstens sechs Fuß hoch, auf beiden Seiten der Bahn errichtet werde.“ [↑]