Archiv für die Kategorie ‘Politisches’

[klartext] Spindelegger zum Vorschlag „Kirchenbeiträge für Ausgetretene“

Mittwoch, 4. Januar 2012

Wenn Politiker so absolut nicht die klare Antwort geben, die angebracht wäre, stelle ich mir manchmal vor, wie sie hätte ausfallen können – in einem fernen Paralleluniversum, wo Politiker noch Eier haben (auch die weiblichen).

Reporterin: Herr Spindelegger, was sagen Sie zum Vorschlag des OÖ Bauernbundes, dass künftig auch Ausgetretene einen Kirchenbeitrag zahlen sollen?

Spindelegger: Da ist bei einigen wohl zuviel Restalkohol vom Neujahrsfeiern übrig geblieben, ich würde diesen Vorschlag nicht überbewerten.

Reporterin: Sie halten das also für eine Schnapsidee?

Spindelegger: Ja.

 

Und das hat er wirklich gesagt:

Spindelegger: Das ist ein Vorschlag, den man bewerten muss, ich glaube da kann man nicht ja oder nein sagen, das muss man sich  auch in der Tiefe anschauen. Wir haben eine vielfältige Struktur in Österreich, wo leider immer weniger sich aktiv in einer Kirche engagieren, als Mitglied Beiträge zahlen. Ich würde das jetzt nicht von vornherein mit  ja oder nein beantworten. Lassen wir uns einmal im Detail auf eine Diskussion ein und dann bewerten wir die Sache.

 

„Der kleine Niko“ von Elfriede Jelinek (Audio)

Montag, 2. Januar 2012

Elfriede Jelinek hat einen Text geschrieben. Man hofft, es wär ein Stück, doch leider ist es ein Stück Wirklichkeit. Es geht um Niko, Laura und ein sinkendes Schiff (nein, noch nicht den ORF), auf dem es egal scheint, wer noch das Ruder führt.

[…] das ist seine Aufgabe: die Abhängigkeit. In die muß alles gebracht werden, was vom Herrn Fernsehdirektor kommt, dessen Büro eine Parteizentrale ist, und dessen Mitarbeiter andre Parteizentralen sind, ein Glück, daß das jetzt alles so zentral ist, da müssen wir nicht so weit herumfahren, wenn wir was wissen wollen. […] So wird das jetzt gemacht. So werden die gemacht. Das sind gemachte Leute, noch bevor es sie überhaupt gibt. Die Sozialdemokratie als Maßschneiderei für Karrieren, so endet sie. Das ist es, wie sie endet. […] Omas und Opas, noch bevor sie erwachsen sind. Sie müssen sich nicht sorgen, denn es ist für sie bereits gesorgt, was sie auch tun […]

 

Niemand sollte sich abschrecken lassen, von der fehlenden Gliederung und Formatierung des Textes, dafür ist er zu gut und zu wichtig. Wer sich trotzdem schwertut (Screenreader von Sehbehinderten z.B. dürften hier an ihre Grenzen stoßen), für den hab ich mal laut mitgelesen:

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(Play-Button drücken oder MP3 direkt runterladen)

9/11

Sonntag, 11. September 2011

Der Zufall wollte es, dass ich heute vor genau zehn Jahren mit einer Gruppe von Freunden und Studienkollegen auf Urlaub in New York war. Die folgenden Bilder, und weitgehend unverändert auch die Texte, stammen aus dem Backup eines längst verschollenen Webalbums, das ich nach unserer Heimkehr für meine Fotos erstellt hatte. Der heutige Jahrestag hat mich endlich dazu bewogen, diese Erinnerungen dem Vergessen zu entreißen – auch dem eigenen – und euch hier von einem zehn Jahre jüngeren Ich schildern zu lassen, wie das „damals“ war, aus seiner Sicht…

Ich bin sicher, ich habe vor Ort viel länger gebraucht, das Ganze zu realisieren, als viele der Millionen Menschen, die die Ereignisse im Fernsehen mitverfolgt haben.

Drei Tage vor seinem Einsturz waren wir noch selber auf dem Südturm. Haben uns im 107. Stock den simulierten Heli-Flug über Manhattan gegeben. Die Greenbox gesehen, vor der Touristen sich ablichten ließen, um übergroß in Souvenirbilder einmontiert zu werden, wie sie scheinbar auf den Dachkanten der Türme balancieren oder mit lachendem Gesicht von ihnen herabfallen. Haben unsere Nasen an die vom Boden bis zur Decke reichenden Fensterscheiben gedrückt, so dass uns nur mehr das Plexiglas vom 400 Meter tiefen Abgrund trennte. Auf der Plattform ganz oben die unglaubliche Aussicht genossen. Wir blieben vom späten Nachmittag bis zum Abend, um auch die Lichter der Stadt sehen zu können.

Unten am Plaza habe ich noch ein letztes Mal hochgesehen. Diese beiden gewaltigen Tower gleichzeitig im Blick gehabt. Ich erinnere mich, dass ich den WTC-Plaza teilweise rückwärts gehend verlassen habe, immer wieder staunend zurücksah.

Es war unvorstellbar, dass geschehen konnte, was geschehen war. In Reiseführern war von einem Flugzeug der US-Luftwaffe zu lesen, das gegen das Empire State Building geflogen war, ohne größeren Schaden am Gebäude zu hinterlassen. Auch vom Anschlag auf das WTC 1993 war zu lesen, ebenso ohne größere Folgen. Diese Gebäude schienen kaum verwundbar. Umso größer der Schock, das Entsetzen, die Fassungslosigkeit. Am 11.9. und in den Tagen danach.

Respekt

Freitag, 8. Oktober 2010

Pressekonferenz des Freunde-Schützen-Hauses v. 7. 10. 2010.
Statement von Hans-Jörg Ulreich, Hausbesitzer:

Video: (cc) Georg Schütz für ichmachpolitik.at

Lügen, tricksen, betrügen

Für mich war das Ganze ein Déjà-vu: Vor sechs Monaten hat sich das Gleiche beim Freund meines Sohnes abgespielt. Auch da wurde ein neunjähriges Kind ins Gefängnis gesetzt – Schubhaft heißt es ja nicht. Es ist trotzdem vergitterte Zellen. Den hat man sogar von den Eltern getrennt. Die – und es ist das gleiche passiert wie vor sechs Monaten – auch da hat man gesagt: „Wir holen euch am Samstag“. Man hat sie schon am Freitag geholt. Man hat gesagt, sie wurden rechtzeitig informiert. Zack, wie sie abgeschoben wurden, hat man ihnen einen Zettel in die Hand gedrückt. Nur, dass das Datum auf dem Zettel halt schon vor 14 Tagen war. Also die, die sich hinterm Recht verstecken, die lügen, die betrügen und die tricksen, dass es ein Graus ist.

Kindergerecht

Nichts hat gestimmt. Man hat gesagt, man holt den Augustin um zwölf. Man hat ihn schon in der Früh geholt. Die Karin [Klaric, Rechtsberaterin v. „Purple Sheep“] hat das eh schon gesagt: „Es ist eh das Gleiche wie immer.“ Und die Zettel, ich hab die gestern in der Schubhaft – oder wie heißt’s jetzt bei Kindern? [Karin Klaric: „In der Haft vor der Abschiebung.“] Wurscht, lauter Glander und man muss durch fünf Sicherheitstüren durch, bis man dort hinkommt – aber das ist ja alles sehr kindergerecht. Dort sind die Zetteln gelegen, wo steht: „Abschiebung am 7.“ Und da war ein Datum – ich glaub der 26. 9. – drauf. Und es hat geheißen: „Er wurde rechtzeitig in Kenntnis gesetzt.“ Die Familie, die ich kannte, da war’s ganz gleich. Da stimmt nichts, was da passiert und was da an die Medien transportiert wird.

Respekt verloren

Ich bin da gestern mit den Mädchen in der Schubhaft – aber so heißt’s ja nicht – gesessen. Ich hab versucht, die Mädchen abzulenken, inzwischen hat die Karin mit dem Vater gesprochen. Wir haben Schere, Stein, Papier gespielt. […] Die Mädchen haben immer gewonnen, aber was mir aufgefallen ist: Die haben meine Hand nicht ausgelassen. Die wussten nicht, was passiert. Und ich hab die erst dreimal gesehen. Aber die haben meine Hand nicht ausgelassen. Die kleinen, ich spür sie immer noch, die kleinen, zarten Kinderhände, jedes Mal, wenn da was war, sie haben mich nicht ausgelassen.

Also auch wenn sie’s nicht wissen, die Kinder. Sie spüren’s. Sie spüren, was unser Land ihnen antut. Und ich schäme mich für dieses Land. Ich habe den Respekt vor diesem Staat verloren. Ein Staat, der so mit den Schwächsten der Schwächsten umgeht, für den schäme ich mich.

„Freiwillig“

Und das Projekt, das wir da gestartet haben, vor 14 Tagen, soll dazu dienen, dass man sieht, was täglich – und jede Woche gehen Flieger – was täglich sich in unserem Land abspielt. Möcht gar nicht wissen, wie die ganzen freiwilligen Rückkehrgeschichten sich abspielen. Wenn man in der Nacht … die Polizei immer klopft, in Uniform. Wenn man die Kinder abpasst, vor der Schule. Das ist Psychoterror pur. Und dann versteckt man sich und sagt: „Na die sind net gegangen. Es gibt so viele, die da ‚freiwillig‘ zurück gegangen sind.“ Freiwillig. Wenn in der Nacht die Kieberer klopfen.

Für die Quote

Die Menschen sind geflohen aus einem Kriegsgebiet. Die können nichts dafür, dass man so lange gewartet hat, bis der Krieg aus ist. Und dann hat man gesagt: „Ja jetzt ist der Krieg aus – habt’s halt a Pech.“ Die sind da in diesen fünf, sechs, sieben Jahren angewachsen. Die Kinder reden untereinander Deutsch. Die reden mit ihrem Vater Deutsch. Die reden so gut Deutsch wie meine Tochter.

Und irgendwer will die nicht. Irgendwer will sich damit profilieren „Abschiebungen: Plus 30 Prozent!“ Und die Quote müss ma erfüllen. Und wenn da grad im Flieger Platz ist, dann schick ma halt die Familie K. oder die Familie X. – oder wie auch immer – noch mit. So geht’s zu, bei uns in Österreich.

Bitte tragen Sie das hinaus. Danke.

 

Transkript: (cc) Bas|se|na

„Der Stürmer“ – 75 Jahre später (2. Update)

Sonntag, 26. September 2010

Das linke Bild entstammt der Nazi-Hetzpostille „Der Stürmer“, von November 1935. Das rechte einer FPÖ-Hetzbroschüre, 75 Jahre später. Es gilt die Zufallsvermutung.


„Voll auf’s Nudelaug“ – unsere Kultur- und Sprachbewahrer können weder richtig Deutsch („auf’s“) noch Österreichisch (das „Nudelaug“ dürfte der Junge kaum getroffen – und hoffentlich auch nicht gesehen – haben).

Warum sind wir so blind gegenüber der Gefahr?

Weil wir gefühlte tausend Mal gesehen haben, in welchem Gewand sie kommt? Auffällig unzeitgemäß, in angestaubter Sprache, sich nahezu überschlagend gegen Juden hetzend und am besten noch schwarzweiß. Kein Zweifel: Wenn das Unheil derart wieder käme, es würden alle klar erkennen. Zuverlässig wie ein Virenscanner, der seit 65 Jahren ohne Update läuft.

Es ist ein Dilemma

Regen wir uns über die Verhetzer auf, besorgen wir nur ihr Geschäft. Weil erst der Skandal ihr Gift in den Fernseh-Hauptabend und in die Krone, bis hinunter in die Gratisblätter pumpt. Und so der Kern der Propaganda – verdichtet zur Schlagzeile, in seiner Schlagkraft noch mal erhöht – auch jene politisch Abwesenden erreicht, die klassisch werbend kaum erreichbar wären.

Ignorieren wir die Provokation hingegen, schalten ihre Urheber schon morgen eine Stufe höher. Unter dem stillschweigenden Sanktus, dass wir den Schritt zuvor keiner Aufregung für Wert befanden.

Und die „Nazikeule“ ist ohnehin eine höchst untaugliche Waffe im Kampf gegen die Nachfahren im Geiste des Führers. Mit jedem Schlag wird sie stumpfer und es gibt nur den falschen Moment ihres Einsatzes:

Kommt sie zu früh, warnt sie vor dem scheinbar Unsichtbaren.
Kommt sie zu spät, drischt sie unverstanden auf das längst Normale ein.

Und so sitzt der Frosch noch arglos drin, im Topf. Doch sein Wasser, unter blauer Flamme, es wird stetig wärmer


Update 27.9.:

  • Der Standard hat mich kontaktiert und die Geschichte aufgegriffen. Nachzulesen am Dienstag, bei „RAU“ und auf Seite 2.
  • Blogger „Patho(b)logus“ hat sich gefragt, warum das scheinbar harmlose Mundwässerchen „Odol“ im Comic zu „Odal“ umbenannt wurde – einem Begriff bei dem Google fast nur Naziseiten ausspuckt.
  • Der VSStÖ hat sich in seinem Blog noch tiefgründiger mit der problematischen Symbolik der Strache-Comics befasst.

Es gilt die Zufallsvermutung.

Update 29.9.:

  • Rainer Hazivar hat für die heutige ZIB2 sehr schön die Ereignisse zusammengefasst – quasi von „Stürmer“ bis „Odal“ (und etwas Bas|se|na ist auch dabei).