Lügen, tricksen, betrügen
Für mich war das Ganze ein Déjà-vu: Vor sechs Monaten hat sich das Gleiche beim Freund meines Sohnes abgespielt. Auch da wurde ein neunjähriges Kind ins Gefängnis gesetzt – Schubhaft heißt es ja nicht. Es ist trotzdem vergitterte Zellen. Den hat man sogar von den Eltern getrennt. Die – und es ist das gleiche passiert wie vor sechs Monaten – auch da hat man gesagt: „Wir holen euch am Samstag“. Man hat sie schon am Freitag geholt. Man hat gesagt, sie wurden rechtzeitig informiert. Zack, wie sie abgeschoben wurden, hat man ihnen einen Zettel in die Hand gedrückt. Nur, dass das Datum auf dem Zettel halt schon vor 14 Tagen war. Also die, die sich hinterm Recht verstecken, die lügen, die betrügen und die tricksen, dass es ein Graus ist.
Kindergerecht
Nichts hat gestimmt. Man hat gesagt, man holt den Augustin um zwölf. Man hat ihn schon in der Früh geholt. Die Karin [Klaric, Rechtsberaterin v. „Purple Sheep“] hat das eh schon gesagt: „Es ist eh das Gleiche wie immer.“ Und die Zettel, ich hab die gestern in der Schubhaft – oder wie heißt’s jetzt bei Kindern? [Karin Klaric: „In der Haft vor der Abschiebung.“] Wurscht, lauter Glander und man muss durch fünf Sicherheitstüren durch, bis man dort hinkommt – aber das ist ja alles sehr kindergerecht. Dort sind die Zetteln gelegen, wo steht: „Abschiebung am 7.“ Und da war ein Datum – ich glaub der 26. 9. – drauf. Und es hat geheißen: „Er wurde rechtzeitig in Kenntnis gesetzt.“ Die Familie, die ich kannte, da war’s ganz gleich. Da stimmt nichts, was da passiert und was da an die Medien transportiert wird.
Respekt verloren
Ich bin da gestern mit den Mädchen in der Schubhaft – aber so heißt’s ja nicht – gesessen. Ich hab versucht, die Mädchen abzulenken, inzwischen hat die Karin mit dem Vater gesprochen. Wir haben Schere, Stein, Papier gespielt. […] Die Mädchen haben immer gewonnen, aber was mir aufgefallen ist: Die haben meine Hand nicht ausgelassen. Die wussten nicht, was passiert. Und ich hab die erst dreimal gesehen. Aber die haben meine Hand nicht ausgelassen. Die kleinen, ich spür sie immer noch, die kleinen, zarten Kinderhände, jedes Mal, wenn da was war, sie haben mich nicht ausgelassen.
Also auch wenn sie’s nicht wissen, die Kinder. Sie spüren’s. Sie spüren, was unser Land ihnen antut. Und ich schäme mich für dieses Land. Ich habe den Respekt vor diesem Staat verloren. Ein Staat, der so mit den Schwächsten der Schwächsten umgeht, für den schäme ich mich.
„Freiwillig“
Und das Projekt, das wir da gestartet haben, vor 14 Tagen, soll dazu dienen, dass man sieht, was täglich – und jede Woche gehen Flieger – was täglich sich in unserem Land abspielt. Möcht gar nicht wissen, wie die ganzen freiwilligen Rückkehrgeschichten sich abspielen. Wenn man in der Nacht … die Polizei immer klopft, in Uniform. Wenn man die Kinder abpasst, vor der Schule. Das ist Psychoterror pur. Und dann versteckt man sich und sagt: „Na die sind net gegangen. Es gibt so viele, die da ‚freiwillig‘ zurück gegangen sind.“ Freiwillig. Wenn in der Nacht die Kieberer klopfen.
Für die Quote
Die Menschen sind geflohen aus einem Kriegsgebiet. Die können nichts dafür, dass man so lange gewartet hat, bis der Krieg aus ist. Und dann hat man gesagt: „Ja jetzt ist der Krieg aus – habt’s halt a Pech.“ Die sind da in diesen fünf, sechs, sieben Jahren angewachsen. Die Kinder reden untereinander Deutsch. Die reden mit ihrem Vater Deutsch. Die reden so gut Deutsch wie meine Tochter.
Und irgendwer will die nicht. Irgendwer will sich damit profilieren „Abschiebungen: Plus 30 Prozent!“ Und die Quote müss ma erfüllen. Und wenn da grad im Flieger Platz ist, dann schick ma halt die Familie K. oder die Familie X. – oder wie auch immer – noch mit. So geht’s zu, bei uns in Österreich.
Bitte tragen Sie das hinaus. Danke.