Archiv für die Kategorie ‘Geschichtliches’

Das Generationenprojekt – Ein Plädoyer für Google Street View

Dienstag, 17. August 2010

Bielefeld versucht sich als Treppenwitz seiner eigenen Internet-Legende und erklärt Google zum unerwünschten Gast. Was die Gegner übersehen: Street View könnte eines der faszinierendsten Generationenprojekte auf unserem Planeten werden.

Jede Wette: unter jenen Leuten, die jetzt so verbissen gegen Google Street View kämpfen, bekommen die meisten leuchtende Augen, wenn sie historische Ansichten ihres Hauses, ihres Viertels oder ihrer Stadt auf alten, vergilbten Fotos entdecken.

Stellen wir uns nur mal kurz vor, welchen Quantensprung es hier bedeuten würde, wenn diese Orte von nun an alle zehn oder auch nur zwanzig Jahre, nahezu lückenlos dokumentiert würden. Stellen wir uns eine Anwendung vor – die sicher kommen wird – in der man eine 3D-Zeitreise in die Vergangenheit machen kann. In die eigene Vergangenheit – und spätere Generationen, in jene ihrer Eltern und Großeltern. Denken wir an das grandiose Finale von „Gangs of New York“, aber mit authentischen Bildern und in der eigenen Stadt.

Bei dem Gedanken kriege ich leuchtende Augen.

Und das ist nur eine von vielen Möglichkeiten, die wir heute noch gar nicht absehen können. Wir sollten sie uns und unseren Nachkommen nicht leichtfertig und aus kurzsichtigen Motiven verschließen. Eigentlich haben wir gar nicht das Recht dazu.

Flash-Player herunterladen
[Youtube-Video]

Youtube-Video: Gangs of New York, Finale mit der Entstehung New Yorks im Zeitraffer

In Linz, da stinkt’s (wieder)

Sonntag, 11. Oktober 2009

Meine Generation hat sich oft gefragt, wie konnten unsere Großeltern nur auf diesen Hitler reinfallen. Wie konntet ihr da nur mitmachen? Ich fürchte, unsere Kinder geben uns die Antwort.

„Schon mal mit White-Power-Idioten im Bus gefahren, die sich mit Hitlergruß v. Ausländerfamilie verabschieden? In Linz beginnt’s!“, schrieb ich am 19. Juni auf Twitter. Und gestern hatte ich wieder eine denkwürdige Busfahrt in Linz…

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Samstag Nachmittag. Im 15er gerade noch nen Sitzplatz ergattert. Auf der Bank hinter mir drei Teenager. Zwei junge Frauen und ein Mann, den Stimmen nach.

„Des mog i scho, wenn sich einer aufregt und net amoi gscheit Deutsch kann.“, ereifert sich eins der Mädchen. Es entspinnt sich ein Dialog, von dem aufgrund des Lärmpegels nur Fragmente zu verstehen sind…

Als „Rechts-EXTREMER“, deklariert sich darin der junge Mann hinter mir. Er betont das zweite Wort in einer Art, als könne „Rechts“ ja schnell wer sein, aber „extrem“, da schwingt ein ganz spezieller Stolz mit, in der Stimme.

Der Name Hitler fällt und einige andere Begriffe aus der selben Ecke. Von Glatze scheren reden die Mädls scherzhaft. Der Junge beruhigt, das sei nicht mehr so und erwähnt die „Oide“ von einem Freund, der man auch nicht ansähe, „dass sie ein Nazi ist“.

Die Mädchen erzählen von ihrer Schule, dass sich die Direktorin immer furchtbar aufrege und die Polizei rufe, wenn jedes Jahr wieder in den frischen Schnee „so ein Ding…“ Er: „Hakenkreuz“ – ja, so ein Hakenkreuz, gut sichtbar gegenüber der Schule in den Schnee gemalt werde. Er: „Nur in den Schnee? Ich hab mal fast [sic!] a Anzeige gekriegt, weil ich eins auf ne Mauer … sooo groß“. Da ist er wieder, der Stolz in der Stimme.

Einen Freund erwähnt er noch, mit dem er demnächst nach Auschwitz fährt – im Rahmen der Schule, hoffe ich, doch sicher bin ich nicht.

Beim Aussteigen will ich dann doch kurz sehen, wie dieser Vollblut-Rechtsextreme mit der leicht heiseren Stimme aussieht. Ich drehe mich um und … blicke in das Gesicht eines Kindes, bürgerlich, adrett gekleidet, mitten im Stimmbruch, vielleicht 12, wenn’s hoch kommt 13 Jahre alt.

Historische Zeitungen zur Bankenkrise

Donnerstag, 12. März 2009

Manchmal lohnt es sich, in alten Zeitungen zu stöbern. Dankenswerterweise scannt die Österreichische Nationalbibliothek bereits seit 2003 historische Zeitschriften ein und stellt sie in einem stetig wachsenden Archiv auf „ANNO“ (Austrian Newspapers Online) öffentlich zum Abruf bereit.

Leider sind die Texte noch nicht durchsuchbar, daher hier mal so zwei Beispiele – aus gegebenem Anlass sozusagen:

Schutz für die Zentralbank Deutscher Sparkassen

Die Regierungsaktion im Gange.

Neue Freie Presse, 1. Juli 1926 (Quelle: ANNO/ÖNB)

Es ist kein sehr angenehmes Geschäft, immerdar als Beschwichtigungshofrat anzurücken. Die Rolle des Alarmisten ist weitaus dankbarer, denn in Österreich ist es ja schon zu einer Art Gesellschaftsspiel geworden, den Pessimismus in allen Variationen: Schwarz, Schwärzer und am Schwärzesten zur Schau zu tragen. […] [Aber] diesmal muß doch die Beschwichtigung ganz ernst gefordert werden und die Regierung hat erkannt, die Quelle der Gerüchte müsse verstopft werden und gleich von Anfang an dürfe kein Zweifel obwalten über den Schutz der Einleger, über die Verteidigung des Vertrauens und über die Gewißheit der ökonomischen Kampfkraft. Was ist das Wesen der Zentralbank Deutscher Sparkassen? Sie ist eine Art Dachgesellschaft für die meisten großen Sparkassen von Österreich. Sie steht insbesonders mit Graz, Salzburg und Niederösterreich in der innigsten Verbindung, und wenn erst einmal diese kleinen Leute in Bewegung kommen, wenn man bis aufs Land hinaus die Furcht erwecken würde wegen der Sicherheit der hinterlegten Gelder, dann Gnade uns Gott, dann müßte eine neue Periode wirtschaftlicher Krise beginnen durch die Lähmung der kleinen und kleinsten Zellen, durch die Schädigung jener Kapillargefäße, die für den Gesamtorganismus genau dieselbe Wichtigkeit besitzen wie die großen Arterien.

Eine solche Krise wird nicht erfolgen. Die Bundesregierung übernimmt nach dem amtlichen Communiqué die Vorsorge für die Sicherung der Einlagen, das bedeutet eine förmliche Haftung, und sie hat zu gleicher Zeit den naturgemäßen Schutz aus dieser Verpflichtung gezogen, indem sie den Oberkurator der Niederösterreichischen Hypothekenanstalt, Herrn Streeruwitz, damit beauftragt, die Aktion zum Schutze der Einleger durchzuführen. Es ist also beinahe eine Verstaatlichung, die hier ganz plötzlich ins Leben tritt, es ist jedenfalls das Äußerste, was ein Ministerium für ein Privatinstitut zu leisten vermag, und so wird heute das ganze Publikum erfahren, ein Sturm auf die Schalter wäre ganz unberechtigt und genügende Mittel sind vorhanden, um ihm die Spitze zu bieten. […]

— Neue Freie Presse1) am 1. Juli 1926 (Quelle)

 

Wirkungen der Krise

Die Kreditanstalt muß vom Staat gestützt werden.

Das Kleine Blatt, 12. Mai 1931 (Quelle: ANNO/ÖNB)

Die wachsende Wirtschaftskrise hat nun auch die größte österreichische Bank, die Kreditanstalt, in solch schwierige Lage gebracht, daß sich die Regierung gezwungen sah, sie mit der gewaltigen Summe von einhundert Millionen Schilling zu stützen. Der Staat übernimmt um 100 Millionen Schilling Aktien dieser Bank und sichert dadurch diese Bank von den weiteren Gefahren.

Diese Gefahren hätten nicht allein dem Hause Rothschild gedroht, welches Haupteigentümer der Kreditanstalt ist. Denn die Kreditanstalt finanziert nicht weniger als siebzig Prozent der ganzen österreichischen Industrie, und der gute Teil der Industrie, die da noch ist, beruht vielfach darauf, daß die Betriebe der Kreditanstalt fortgeführt werden. Eine Erschütterung der Kreditanstalt hätte auf das ganze österreichische Wirtschaftsleben wie ein Orkan gewirkt. Es war also ganz gewiß ein unabweisliches Gebot der Not, alles zu unternehmen, um diese Gefahren zu bannen.

Was sich da aber zugetragen hat, ist von allergrößter Bedeutung. Rothschild, das war der ungekrönte König Österreichs. Die Kreditanstalt, an deren Spitze er steht, beherrscht, wie schon bemerkt, nicht allein siebzig Prozent der österreichischen Industrie, sondern durch seine großen Banken in Prag, Budapest und Warschau große Teile der Industrien des alten österreichisch-ungarischen Wirtschaftsgebietes. Seit anderthalb Jahrhunderten war es so, daß jedwelche Regierung in Österreich, die Geld bedurfte, sich an Rothschild wenden musste; es ist das erstemal in der Geschichte des Hauses Rothschild, daß sich dieser Finanzkönig an die Regierung um Hilfe wenden muß, daß Staatsgelder, Steuergelder aufgeboten werden müssen, um eine Rothschildbank zu stützen, damit die ganze Wirtschaft nicht erschüttert werde.

Rothschild, die Kreditanstalt, ist freilich nur ein Glied in dieser Kette. Was sind da Staatsgelder zur Sanierung österreichischer Banken verpulvert worden! Von der Zentralbank der deutschen Sparkassen mit ihrem Schwarm von Winkelbanken über die Unionbank und Bodenkreditanstalt bis zur Kreditanstalt führt eine Linie. Nichts vermag anschaulicher das völlige Versagen des Kapitalismus zu erweisen, der in den Banken seine höchste Entwicklungsform gefunden hat, als diese endlose Kette der Bankenzusammenbrüche, die von hunderttausenden Arbeitern und Angestellten mit Arbeitslosigkeit und Hunger, die von der ganzen Bevölkerung mit vermehrten Steuern bezahlt werden mußten. Die Banken beherrschen das ganze Wirtschaftsleben, aber sie verstehen es nicht mehr zu führen. Und am Ende muß der Staat mit seinen öffentlichen Mitteln einspringen, muß die Banken stützen, muß für die Fehler und die Spekulationen ihrer Generaldirektoren aufkommen, um das größere Übel einer Wirtschaftszerrüttung zu verhüten. Der Kapitalismus ist am Ende seiner Weisheit. Er ist außerstande, die Menschen mit Arbeit und Nahrung zu versorgen, er ist außerstande, die Produktion überhaupt auch nur fortzuführen. Er wankt von Krise zu Krise, schleudert die Menschen in immer tiefere Not und muss am Ende selbst bei der staatlichen Gemeinschaft Hilfe in seiner Not heischen, die er beherrscht und ausbeutet. Was bleibt dann von seiner vielgepriesenen Wirksamkeit übrig? Die Zeit des Sterbens der kapitalistischen Wirtschaftsordnung ist gekommen. Der Krampf, unter dem sich der Kapitalismus windet, ist der Todeskrampf einer Wirtschaftsordnung, die ihre Tage erfüllt hat.

— Das kleine Blatt2) am 12. Mai 1931 (Quelle)

 

Und da heißt es immer, nichts ist so alt wie die Zeitung von gestern…

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  1. Neue Freie Presse – heute: „Die Presse“ [↑]
  2. Das Kleine Blatt – Sozialistisches Kleinformat, ähnliche Ausrichtung wie Arbeiterzeitung „AZ“, aber volksnäher im Schreibstil [↑]

„Das frrreie Worrrt“ der Kronen Zeitung

Sonntag, 14. Dezember 2008

Frage: Wie kriegt man möglichst schnell einen Überblick über das Spektrum rechtsradikaler, revisionistischer1) und neonazistischer Seiten im deutschsprachigen Internet? Man googelt einfach ein paar Zitate aus einem Krone-Leserbrief.

Die folgende Zuschrift erschien letzten Donnerstag in der Kronen Zeitung, zu einem harmlosen Thema, eigentlich. Extra grau hinterlegt, mit Foto als Blickfang und Rahmen drum rum. Eine besondere Auszeichnung im „freien Wort“ und Hinweis, dass Herausgeber und Redaktion diesen Brief wohl für besonders lesenswert halten:

Verhindert Internet Kriege?

Kronen Zeitung, Do. 11. Dez. 2008, S. 30

„[…] Hätte Internet nach dem für Deutschland verlorenen Krieg den sinnlosen Mord an 500.000 Flüchtlingen, Alten, Frauen und Kindern in Dresden verhindern können? Wohl kaum, denn Sir Winston Churchill hätte den Befehl, „die Flüchtlinge aus dem Osten in Dresden zu braten“, auch ausgegeben, wenn es damals schon Internet gegeben hätte […]“

(Quelle: Kronen Zeitung, 11. 12. 2008, S. 30)

 

Eins vorweg: die Angriffe auf Dresden und andere Städte waren verheerend und eine derartige Flächenbombardierung der Zivilbevölkerung würde heute zu Recht als Kriegsverbrechen eingestuft. Allerdings sprechen seriöse Quellen von etwa 25.000 Opfern in Dresden. Immer noch viel zu viele, aber nicht annähernd die vom Leserbriefschreiber behauptete halbe Million. Wo kommt so eine Zahl her? Nun, fragen wir Google.

Einmal Irving

Gleich der erste Link führt auf eine Propagandaseite, die von Google Deutschland sogar ausgeblendet werden muss und daher nur bei google.at aufscheint. Diesen Müll sollte man sich aber sowieso lieber sparen. Interessanter ist diese Seite, die sehr übersichtlich Aufschluss darüber gibt, woher die Zahl im Krone-Leserbrief stammen könnte:

Zahlenangaben – Dresden, alliierte Luftangriffe

  • 135.00 Opfer
    Diese Zahl geht auf David Irving zurück.
  • 202.040 Opfer
    Diese Zahl wurde von David Irving verbreitet. Sie beruht auf einem gefälschten Polizeibericht von 1945. [Die Nazis hatten einfach an jede Zahl eine Null angefügt; Anm.]
  • 250.000 bis 500.000 Opfer
    Diese Zahlen tauchen in diversen rechtsextremen Publikationen auf und haben meist keinerlei dokumentarische Grundlage oder gehen auf die gefälschte Zahl von 202.040 Opfern zurück.

Quelle »

 

Irving ist ein verurteilter Holocaust-Leugner und -Relativierer. Tja, und so führt die Frage nach der Herkunft dieser schauerlichen Zahlen auch gleich unmittelbar zu ihrem Zweck.

Zweimal Irving

Wir erinnern uns, Herr P. aus S. schrieb auch noch, Churchill habe den Befehl gegeben, „die Flüchtlinge aus dem Osten in Dresden zu braten“.

Die Anführungszeichen deuten auf ein Zitat hin. Aber wie authentisch ist es? Kann Google hier noch mal weiter helfen?

Es kann. Doch was hier als Suchergebnis kommt, lässt sich am besten wie eingangs beschreiben: als buntes Spektrum neonazistischer, revisionistischer und rechtsextremer „Heimseiten“. Es ist wirklich – und das hat man selten – praktisch keine „normale“ Seite im Suchergebnis dabei.

Dafür wimmelt es vor seltsamen keltischen Runen (die Swastika ist ja verboten), zwanghaft eingedeutschten Begriffen, Judenfeindlichkeit und Geschichtsverdrehungen. Von „Dresden-Holocaust“ ist hier zB die Rede und man kann sich des Eindrucks kaum erwehren, dass Churchill fast der schlimmere Hitler war, in den Augen dieser Menschen.

Und die Quelle für das angebliche Zitat finden wir auch – es ist immer dieselbe:

[…] Der britische Zeitgeschichtler David Irving zitierte am 13. Februar 1990 anläßlich eines Vortrags zum 45. Jahrestag der Vernichtung von Dresden im Dresdner Kulturpalast den Kriegsverbrecher Churchill: „Ich möchte keine Vorschläge haben, wie wir kriegswichtige Ziele im Umland von Dresden zerstören können, ich möchte Vorschläge haben, wie wir 600.000 Flüchtlinge aus Breslau in Dresden braten können.“

(Quelle: suche selbst, wer unbedingt mag)

 

Hm, einmal Irving als mögliche Quelle in einem Krone-Leserbrief, das kann auch ein unglücklicher Zufall sein. Aber zweimal Irving…?

Die Ecke, aus der das Gedankengut des Briefes kommt, ist mangels alternativer Quellen jedenfalls klar. Aber man musste auch schon vorher kein Geschichtsexperte sein, um bei den im Brief gezeichneten Bildern ins Grübeln zu kommen.

Und Dichand?

Der veröffentlicht diese revisionistische Propaganda, die sich ins dunkelbraunste rechte Eck zurückführen lässt, nicht nur kommentarlos, er und seine Redaktion finden den Brief auch noch so toll, dass sie ihn optisch sogar besonders hervorheben, auf ihrer Krone-Leserbriefseite.

Bei so viel Geschichtsbewusstsein ist es wirklich gut, dass wir in Österreich ein Verbotsgesetz haben. So bleibt uns zumindest das Ärgste erspart, im „freien Wort“ der Krone.

 

Update 20:49 Uhr:
Eben sehe ich nebenan im Krone-Blog, dass im frrreien Worrrt bereits ungeniert über „Untermenschen“ fabuliert werden darf.  Ich war wohl zu optimistisch, was das Ersparen betrifft… :-(

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  1. Revisionismus: Der Versuch, die Geschichte umzudeuten (zB Leugnung/Relativierung des Holocausts [↑]

Von Linz nach Graz – Bahn fahren wie 1965

Montag, 2. Juni 2008

Dieses Wochenende hatte ich das zweifelhafte Vergnügen einer Fahrt im IC auf der Pyhrnstrecke Linz-Graz. Habt ihr den Haken eben bemerkt? Ich schrieb InterCity, nicht ÖBB InterCity. Natürlich sind beide von den ÖBB, dennoch sollte man auf diese vermeintliche Kleinigkeit achten. Der Unterschied für den Kunden ist nämlich gewaltig: Ca. 40 Jahre Eisenbahngeschichte!

Ich bin natürlich auch drauf reingefallen. Das ist wohl auch der Sinn dieser kleinen, fiesen Marketing-Finte: Für Uneingeweihte so tun, als wären alle InterCity auf ungefähr dem selben Niveau. Unterscheiden sich ja nur in dem selbstverständlich wirkenden Zusatz „ÖBB“, der kaum den Verdacht erweckt, in Wahrheit eine völlig andere Zug-Gattung zu bezeichnen.

Selbst die Beschreibung der Zugkategorien auf der ÖBB-Homepage lässt nicht ansatzweise erahnen, wie groß der Unterschied in der Realität ist. Hier der „ÖBB IC“:

Höchste Qualität in Ausstattung und Service:
ÖBB EC/IC 2. Klasse

  • elegante Sitzgarnituren in edlem Design
  • verbesserter Handyempfang durch spezielle Verglasung
  • ausschließlich klimatisierte Züge
  • Stromanschluss für Laptops oder andere elektronische Geräte

[…]

Der ÖBB IC bietet die selbe komfortable Ausstattung wie der ÖBB EC mit dem Unterschied, dass kein Speisewagen mitgeführt wird und Ihre Betreuung im ÖBB IC durch ein mobiles Bordservice erfolgt.

Quelle: ÖBB »

 

Für die reinen Autofahrer unter meinen Lesern: Als regelmäßig Reisender auf der Westbahnstrecke kann ich das bestätigen. Die „ÖBB IC“ sind absolut auf der Höhe der Zeit. Und auf langen Fahrten meist angenehmer, entspannender und schneller als das Auto.

Und das ist laut ÖBB der „IC“ (ohne „ÖBB“ vorne dran):

InterCity
Auch in den InterCitys, den nationalen Taktzügen zwischen den großen Städten und Touristikzentren, genießen Sie erstklassigen Komfort.

Quelle: ÖBB »

 

Hmmm, etwas einsilbig, findet ihr nicht auch? Ich denke, diese Beschreibung wäre noch ausbaufähig. Liebe ÖBB, wie wär’s, wenn wir sie um ein paar Eindrücke von meiner (hoffentlich) letzten Fahrt auf der Pyhrnbahn ergänzen:

InterCity

ÖBB 4010 Garnitur

Genießen Sie das Flair längst vergangener Zeiten. In unseren historischen Eisenbahngarnituren aus den 60er Jahren…

 

ÖBB 4010 – Gang

können Sie sich noch mal so richtig zurückversetzen lassen…

 

ÖBB 4010 – Fensterplatz

in eine Zeit, in der noch nicht Stress und Hektik den Alltag bestimmten.

Selbstverständlich müssen Sie dennoch auf keinerlei Komfort verzichten.

 

ÖBB 4010 – Ausziehtisch

Ablagen für Notebooks und modernste Multimediageräte sind ebenso selbstverständlich, wie…

 

ÖBB 4010 – Vorhang

eine CO2-neutrale Klimaanlage mit integriertem UV-Sonnenschutz in jedem Abteil.

 

ÖBB 4010 – Schalter für Licht und Lautsprecher

Mit etwas Geschick können Sie sogar Ihre elektronischen Geräte an unser Bordnetz anschließen.

 

ÖBB 4010 – Kleiderhaken

Und liebevolle Gestaltung bis ins kleinste historische Detail, lässt Ihre Reise zum unvergesslichen Erlebnis werden.

 

Also, warten Sie nicht länger! Besuchen Sie uns in einem der ÖBB-Servicecenter und buchen Sie Ihre Reise von gestern, zu Preisen von morgen.

Wir freuen uns auf Sie!

 

Zukunft am Zug?

Ja, was da zwischen Linz und Graz verkehrt ist tatsächlich eine historische 4010er Garnitur. Diese Baureihe wurde laut Wikipedia bei den ÖBB zwischen 1965 und 1978 in Dienst gestellt.

Immerhin wurden diese Züge in den 90ern „modernisiert“ und bieten nun folgende zeitgemäße Annehmlichkeiten:

  • Kein Strom
    Als ich den Zugbegleiter Schaffner nach einem Waggon mit Steckdose fragte, sah er mich kurz an, als wäre ich ein Zeitreisender aus der Zukunft.
  • Kein Klima
    O-Ton Schaffner: „Es gibt schon einen klimatisierten Waggon, aber dort ist es heißer als hier, weil die Anlage zu wenig kühlt und die Fenster ja nicht aufgehen.“ Wenige Minuten später sah ich seine Aussage bestätigt. Reisende wanderten durch die Gänge und suchten unter Abgabe tlw. nicht zitierfähiger Unmutsäußerungen einen neuen Sitzplatz. Sie hatten vergeblich gehofft, die Klimaanlage würde nach Abfahrt des Zuges „anspringen“.
  • Kein Service
    Okay, der mobile Bordservice nervt meistens eh nur.
  • Polstermöbel aus Großmutters Zeiten
    die nach spätestens zwei Stunden Fahrt deutlich spüren lassen, dass eine konvexe Sitzwölbung nicht dem Gesäß-Design eines Reisenden auf unserem Planeten entspricht.
  • Eine sagenhafte Durchschnittsgeschwindigkeit von 60 km/h
    Damit um über eine Stunde längere Fahrzeit von Linz nach Graz als mit dem Auto. Ein Gutes hat’s: Die Gefahr eines Deliriums Furiosum1) dürfte sich in Grenzen halten.

Tja, „Zukunft am Zug“ lautet der ÖBB-Werbeclaim. Von „im“ war nie die Rede.

Reisen 2. Klasse

Richtig verarscht fühlt man sich aber erst, wenn man auf so einer Nostalgiefahrt Richtung Graz hin und wieder nach rechts aus dem Fenster blickt. Da hat man, den Berg hoch, oft einen wunderschönen Blick auf die mit Milliardenaufwand neu gebaute Pyhrnautobahn. Eine moderne, komfortable Hochgeschwindigkeitsstrecke für den erdölgetriebenen Individualverkehr. Mit unzähligen Brücken, Tunnels, Unterflurtrassen. Kein Aufwand war hier zu hoch, um jede überflüssige Fahrminute zu eliminieren und die Strecke an die Anforderungen des 21. Jahrhunderts anzupassen.

Das Traurige: Selbst wenn man heute noch anfinge, würden wohl an die 20 Jahre vergehen, bevor man über die Bahn dasselbe sagen könnte. Kein Wunder, dass die meisten Menschen lieber in den sauren Apfel steigender Benzinpreise beißen. Der öffentliche Verkehr ist hier zum Notnagel für Randgruppen verkommen, die keine andere Wahl haben. Aber er ist Lichtjahre davon entfernt, eine konkurrenzfähige Alternative zu sein, auf die man gerne und freiwillig umsteigt.

Auf die Pyhrnbahn umsteigen werde auch ich nie mehr. Jedenfalls nicht freiwillig. 500 Schilling 35 Euro sind mir schlicht zuviel für diese Form des Zeitreisens. Die nächste Fahrt nach Graz findet wieder mit dem Auto statt, wenn es sich mit Freunden nur irgendwie einrichten lässt.

Und hin und wieder werde ich dann, oben auf der Autobahn, in Gedanken mal hinunterschaun, auf die armen Reisenden da unten, im Jahre 1965.

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  1. Begriff aus einem historisch umstrittenen med. Gutachten zur Einführung der Eisenbahn im Jahre 1835: „Ortsveränderungen mittels irgend einer Art von Dampfmaschine sollten im Interesse der öffentlichen Gesundheit verboten sein. Die raschen Bewegungen können nicht verfehlen, bei den Passagieren die geistige Unruhe, ‚delirium furiosum‘ genannt, hervorzurufen. Selbst zugegeben, dass Reisende sich freiwillig der Gefahr aussetzen, muss der Staat wenigstens die Zuschauer beschützen, denn der Anblick einer Lokomotive, die in voller Schnelligkeit dahinrast, genügt, um diese schreckliche Krankheit zu erzeugen. Es ist daher unumgänglich nötig, dass eine Lärmschutzwand Schranke, wenigstens sechs Fuß hoch, auf beiden Seiten der Bahn errichtet werde.“ [↑]

Die „Mitte“ der Kronenzeitung

Samstag, 15. März 2008

Aus der Kronenzeitung vom 13. März 2008:

„Herr Strudl“, Kronenzeitung 13.3.2008

„Ma diskutiert jetzt, ob Österreich Täter oder Opfer war. Die Antwort is, es hat beides gebn: auf der einen Seitn Hitler-Fans und Antisemiten, auf der anderen todesmutige Widerstandskämpfer und Leut, die Juden bei sich versteckt ham. Die Wahrheit liegt halt wia so oft in der Mittn!“

 

Wo waren Sie zwischen 19:38 und 19:45?

Samstag, 22. September 2007

Nur das Pferd war Zeuge (Foto: http://www.flickr.com/photos/sugeo/466529196/)

Interessant, das Neue Volksblatt ist nun rein zufällig auch auf Wasser in der Tundra gestoßen ;-)

Apropos Volksblatt:
Wurde das nun …

„1938 von den Nationalsozialisten eingestellt und 1945 wiedergegründet“

 

wie’s sinngemäß in der Wikipedia steht, oder …

„1938 von den Nationalsozialisten übernommen, ab Juli 1938 als Volksstimme weitergeführt und 1945 wiedergegründet“

 

wie’s sinngemäß im österreichischen Kulturinformationssystem AEIOU steht?

Interessanterweise stand letztere Version ja auch mal in der Wikipedia:

Wikipedia-Artikel zum Volksblatt (vorher/nachher)

Wikipedia-Artikel (vorher/nachher)

 

Nun, gehen wir mal davon aus, dass die redigierte Wikipedia-Version, die korrekte ist. Die Person, die die Zeit zwischen 1938 und 45 gelöscht hat, sollte es ja wirklich wissen. Stammt sie doch laut Wikiscanner aus der gleichen IP-Ecke wie jener anonyme Autor, der auch diesen Artikel zu einer Person der Zeitgeschichte in der Wikipedia angelegt hat, und seither äußerst rührig pflegt. Dort heißt es unter anderem:

„seither arbeitet er […] bei der österreichischen Tageszeitung Neues Volksblatt“

 

ha|ns

PS: Ja ja, immer voll zwischen die Stühle – aber da sitz ich gut *g*