„Der Stürmer“ – 75 Jahre später (2. Update)

Das linke Bild entstammt der Nazi-Hetzpostille „Der Stürmer“, von November 1935. Das rechte einer FPÖ-Hetzbroschüre, 75 Jahre später. Es gilt die Zufallsvermutung.


„Voll auf’s Nudelaug“ – unsere Kultur- und Sprachbewahrer können weder richtig Deutsch („auf’s“) noch Österreichisch (das „Nudelaug“ dürfte der Junge kaum getroffen – und hoffentlich auch nicht gesehen – haben).

Warum sind wir so blind gegenüber der Gefahr?

Weil wir gefühlte tausend Mal gesehen haben, in welchem Gewand sie kommt? Auffällig unzeitgemäß, in angestaubter Sprache, sich nahezu überschlagend gegen Juden hetzend und am besten noch schwarzweiß. Kein Zweifel: Wenn das Unheil derart wieder käme, es würden alle klar erkennen. Zuverlässig wie ein Virenscanner, der seit 65 Jahren ohne Update läuft.

Es ist ein Dilemma

Regen wir uns über die Verhetzer auf, besorgen wir nur ihr Geschäft. Weil erst der Skandal ihr Gift in den Fernseh-Hauptabend und in die Krone, bis hinunter in die Gratisblätter pumpt. Und so der Kern der Propaganda – verdichtet zur Schlagzeile, in seiner Schlagkraft noch mal erhöht – auch jene politisch Abwesenden erreicht, die klassisch werbend kaum erreichbar wären.

Ignorieren wir die Provokation hingegen, schalten ihre Urheber schon morgen eine Stufe höher. Unter dem stillschweigenden Sanktus, dass wir den Schritt zuvor keiner Aufregung für Wert befanden.

Und die „Nazikeule“ ist ohnehin eine höchst untaugliche Waffe im Kampf gegen die Nachfahren im Geiste des Führers. Mit jedem Schlag wird sie stumpfer und es gibt nur den falschen Moment ihres Einsatzes:

Kommt sie zu früh, warnt sie vor dem scheinbar Unsichtbaren.
Kommt sie zu spät, drischt sie unverstanden auf das längst Normale ein.

Und so sitzt der Frosch noch arglos drin, im Topf. Doch sein Wasser, unter blauer Flamme, es wird stetig wärmer


Update 27.9.:

  • Der Standard hat mich kontaktiert und die Geschichte aufgegriffen. Nachzulesen am Dienstag, bei „RAU“ und auf Seite 2.
  • Blogger „Patho(b)logus“ hat sich gefragt, warum das scheinbar harmlose Mundwässerchen „Odol“ im Comic zu „Odal“ umbenannt wurde – einem Begriff bei dem Google fast nur Naziseiten ausspuckt.
  • Der VSStÖ hat sich in seinem Blog noch tiefgründiger mit der problematischen Symbolik der Strache-Comics befasst.

Es gilt die Zufallsvermutung.

Update 29.9.:

  • Rainer Hazivar hat für die heutige ZIB2 sehr schön die Ereignisse zusammengefasst – quasi von „Stürmer“ bis „Odal“ (und etwas Bas|se|na ist auch dabei).


4 Kommentare und 3 Zitate in anderen Blogs

  1. 1
    Christoph says:

    Volksbildung würde auch reichen: Je intelligenter die Wählerschaft, desto weniger Strache.
    „The best argument against democracy is a five-minute conversation with the average voter.“ (Winston Churchill)

    • 1.1
      koris says:

      Straches Erfolg hat nicht mit der unzureichenden Bildung einer seiner Wählerschichten zu tun, sondern mit der Angst. Angst um Arbeitsplätze, Angst um Wohnungen, Angst um die (Aus-)/Bildung der Kinder, … Angst, die man Menschen einfach nehmen müsste, dann gäbe es nämlich keine FPÖ mehr!

  2. 2
    schlingel says:

    Hallo,

    da hast du einen wunderschön geschriebener Kommentar der mir sehr gut gefallen hat und ironischerweise wäre ich tatsächlich nie ohne diesen Artikel auf diese „Sagen“ gestoßen.

    Über den Zufall kann man jetzt streiten und ich glaube so ist das von der FPÖ auch gewollt. Ich bezweifle auch, dass die FPÖ-Chargen die Oper in den Ohren hatten als sie „Wiener Blut“ auf ihre Plakate schmierten.

    Ein Punkt der mir jedoch nicht gefallen hat ist die eindimensionale Darstellung der „Nazikeule“. Denn deren unnütze und viel zu fluxe Anwendung in der Vergangenheit hat zu dieser Wortbildung geführt.

    Das Repertoire der Rassisten ist leider in den letzten Jahrzehnten stätig aufgestockt worden. Sei es die Aufarbeitung des Genozides im eigenen Land der in diesem Ausmaß nur in Deutschland und Österreich statt fand aber leider Gottes nicht nur in diesen Länder verbrochen wurde (siehe z.B. Pfeilkreuzler) und durch den Unwillen der anderen Nationen Schuld einzugestehen zu einem verschobenen Bild der endlosen Selbstkasteiung geführt hat ala „irgendwann muss es ja gut sein“.
    Dazu kommt – möglicherweise genau dadurch – der Unwille Migration und Probleme in einem objektiven Kontext zu betrachten ohne gleich alle Missstände auf das Umfeld zu schieben.

    Dazu zwei kleine Beispiele aus meiner Erfahrung: als ich in der Schule waren, kamen wir einmal auf das Thema Immigration und ihre Probleme. Da meine Tante als psychologische Betreuerin in einem Jugendgefängnis gearbeitet hatte und mir einmal erzählte, dass ca. 90% der Insassen Schwarze sind, die wegen Drogendelikten eingefahren sind wollte ich das zur Diskussion beitragen und fragen, welche Umstände dazu führen. Doch soweit kam es nicht, da mir der Lehrer am liebsten an die Gurgel gesprungen wäre als ich diesen Anteil von mir gab. (Das meine Tante eine rechte Rassistin ist, ist eine lächerliche Annahme die so unwahrscheinlich ist, dass ich mich nicht einmal verpflichtet fühle auszuführen warum es nicht so ist.)
    Es war offensichtlich, dass er mich für einen Rassisten hielt der dieses Wissen nicht von jemanden aus der Praxis sondern aus einem rechten Forum hatte. Doch da irrte er! Das Ergebnis war, dass er nicht weiter darauf eingehen wollte.

    Dann, der Bruder meiner Freundin arbeitet für ein Sicherheitsunternehmen, dass sich mit der Hausüberwachung von Einkaufszentren beschäftigt. Seine Erfahrung ist auch, dass vor allem Immigranten hier erwischt werden und dass es Flecken in Österreich gibt wie z.B. Bregenz wo die Polizei nicht hart durchgreifen traut da mafiose Strukturen dahinter stehen die vermutlich zu viel Personal oder sonstiges kosten. Weswegen dort nicht durchgegriffen wird, weiß ich nicht aber es gibt Probleme.

    Die „Nazikeule“ wurde vor allem deswegen stumpf da vorhandene Missstände nicht behandelt werden wollten sondern der Überbringer der Nachricht viel zu oft ungerechtfertigt damit verdroschen wurde.

    Genau daraus holen rechte Recken ihr Kapital: Denn es herrschen teilweise katastrophale Zustände und die Frage warum es soweit kam und vor allem warum nicht _akkut_ etwas dagegen getan wird, wird als Rassismus, Xenophobie, nationalsozialistisch oder einfach bloß dumm abgetan.

    Meiner Meinung nach fehlt der menschliche und objektive Blick auf genau diese Probleme und solange sich niemand sonst dieser Dinge annimmt und dabei hart bei den Fakten bleibt und gleichzeitig auch gute Lösungen anbietet, werden Leute wie Strache weiter Zuspruch finden und „das wird man wohl noch sagen dürfen“ für immer radikalere und vor allem menschenfeindlichere Botschaften gelten.

    • 2.1
      hans says:

      @schlingel
      Richtig, die „Nazikeule“ wird oft zu leichtfertig, und zu oft gegen die Falschen geschwungen. Es ist der größte Fehler, mit ihr auf „einfache Leute“ einzuhauen, die – vielleicht in ungeschickter Sprache – aber eben doch auf echte Missstände hinweisen. Danke für deine wichtige und differenzierende Ergänzung.

Zitate in anderen Blogs (Trackbacks/Pingbacks)

  1. […] This post was mentioned on Twitter by severin mayr, MarieRingler, Michel Reimon, bas|se|na, Florian Holzner and others. Florian Holzner said: RT @bassena: Da wird einem schon kurz anders. Strache-Comic im Vergleich zu "Der Stürmer"-Zeichnung von 1935: http://j.mp/bkjHsw #fpö […]

  2. […] der HC-Figur offenbar vom antisemitischem “Der Stürmer” inspirert wurde, wie auf http://www.blog.bassena.at nachzulesen […]

  3. […] All das kennt man dank der FPÖ leider sogar aus dem österreichischen politischen Diskurs. (Sogar die Kreuzrittermontur hat HC Strache schon gegen die Türkenbelagerung angezogen) Aber man sollte es sich mit den Schuldzuweisungen nicht zu einfach […]

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