„Das frrreie Worrrt“ der Kronen Zeitung

Frage: Wie kriegt man möglichst schnell einen Überblick über das Spektrum rechtsradikaler, revisionistischer [[Revisionismus: Der Versuch, die Geschichte umzudeuten (zB Leugnung/Relativierung des Holocausts]] und neonazistischer Seiten im deutschsprachigen Internet? Man googelt einfach ein paar Zitate aus einem Krone-Leserbrief. Die folgende Zuschrift erschien letzten Donnerstag in der Kronen Zeitung, zu einem harmlosen Thema, eigentlich. Extra grau hinterlegt, mit Foto als Blickfang und Rahmen drum rum. Eine besondere Auszeichnung im "freien Wort" und Hinweis, dass Herausgeber und Redaktion diesen Brief wohl für besonders lesenswert halten:

Verhindert Internet Kriege?

Kronen Zeitung, Do. 11. Dez. 2008, S. 30 "[...] Hätte Internet nach dem für Deutschland verlorenen Krieg den sinnlosen Mord an 500.000 Flüchtlingen, Alten, Frauen und Kindern in Dresden verhindern können? Wohl kaum, denn Sir Winston Churchill hätte den Befehl, "die Flüchtlinge aus dem Osten in Dresden zu braten", auch ausgegeben, wenn es damals schon Internet gegeben hätte [...]"

(Quelle: Kronen Zeitung, 11. 12. 2008, S. 30)

Eins vorweg: die Angriffe auf Dresden und andere Städte waren verheerend und eine derartige Flächenbombardierung der Zivilbevölkerung würde heute zu Recht als Kriegsverbrechen eingestuft. Allerdings sprechen seriöse Quellen von etwa 25.000 Opfern in Dresden. Immer noch viel zu viele, aber nicht annähernd die vom Leserbriefschreiber behauptete halbe Million. Wo kommt so eine Zahl her? Nun, fragen wir Google.

Einmal Irving

Gleich der erste Link führt auf eine Propagandaseite, die von Google Deutschland sogar ausgeblendet werden muss und daher nur bei google.at aufscheint. Diesen Müll sollte man sich aber sowieso lieber sparen. Interessanter ist diese Seite, die sehr übersichtlich Aufschluss darüber gibt, woher die Zahl im Krone-Leserbrief stammen könnte:

Zahlenangaben -- Dresden, alliierte Luftangriffe

  • 135.00 Opfer Diese Zahl geht auf David Irving zurück.
  • 202.040 Opfer Diese Zahl wurde von David Irving verbreitet. Sie beruht auf einem gefälschten Polizeibericht von 1945. [Die Nazis hatten einfach an jede Zahl eine Null angefügt; Anm.]
  • 250.000 bis 500.000 Opfer Diese Zahlen tauchen in diversen rechtsextremen Publikationen auf und haben meist keinerlei dokumentarische Grundlage oder gehen auf die gefälschte Zahl von 202.040 Opfern zurück.

Quelle »

Irving ist ein verurteilter Holocaust-Leugner und -Relativierer. Tja, und so führt die Frage nach der Herkunft dieser schauerlichen Zahlen auch gleich unmittelbar zu ihrem Zweck.

Zweimal Irving

Wir erinnern uns, Herr P. aus S. schrieb auch noch, Churchill habe den Befehl gegeben, "die Flüchtlinge aus dem Osten in Dresden zu braten". Die Anführungszeichen deuten auf ein Zitat hin. Aber wie authentisch ist es? Kann Google hier noch mal weiter helfen? Es kann. Doch was hier als Suchergebnis kommt, lässt sich am besten wie eingangs beschreiben: als buntes Spektrum neonazistischer, revisionistischer und rechtsextremer "Heimseiten". Es ist wirklich -- und das hat man selten -- praktisch keine "normale" Seite im Suchergebnis dabei. Dafür wimmelt es vor seltsamen keltischen Runen (die Swastika ist ja verboten), zwanghaft eingedeutschten Begriffen, Judenfeindlichkeit und Geschichtsverdrehungen. Von "Dresden-Holocaust" ist hier zB die Rede und man kann sich des Eindrucks kaum erwehren, dass Churchill fast der schlimmere Hitler war, in den Augen dieser Menschen. Und die Quelle für das angebliche Zitat finden wir auch -- es ist immer dieselbe:
[...] Der britische Zeitgeschichtler David Irving zitierte am 13. Februar 1990 anläßlich eines Vortrags zum 45. Jahrestag der Vernichtung von Dresden im Dresdner Kulturpalast den Kriegsverbrecher Churchill: "Ich möchte keine Vorschläge haben, wie wir kriegswichtige Ziele im Umland von Dresden zerstören können, ich möchte Vorschläge haben, wie wir 600.000 Flüchtlinge aus Breslau in Dresden braten können."

(Quelle: suche selbst, wer unbedingt mag)

Hm, einmal Irving als mögliche Quelle in einem Krone-Leserbrief, das kann auch ein unglücklicher Zufall sein. Aber zweimal Irving...? Die Ecke, aus der das Gedankengut des Briefes kommt, ist mangels alternativer Quellen jedenfalls klar. Aber man musste auch schon vorher kein Geschichtsexperte sein, um bei den im Brief gezeichneten Bildern ins Grübeln zu kommen.

Und Dichand?

Der veröffentlicht diese revisionistische Propaganda, die sich ins dunkelbraunste rechte Eck zurückführen lässt, nicht nur kommentarlos, er und seine Redaktion finden den Brief auch noch so toll, dass sie ihn optisch sogar besonders hervorheben, auf ihrer Krone-Leserbriefseite. Bei so viel Geschichtsbewusstsein ist es wirklich gut, dass wir in Österreich ein Verbotsgesetz haben. So bleibt uns zumindest das Ärgste erspart, im "freien Wort" der Krone.

 

Update 20:49 Uhr: Eben sehe ich nebenan im Krone-Blog, dass im frrreien Worrrt bereits ungeniert über "Untermenschen" fabuliert werden darf.  Ich war wohl zu optimistisch, was das Ersparen betrifft... 🙁

9 Kommentare