Kronenzeitung: unabhängig von der Wahrheit

Die Krone, jenes Blatt, das so erfolgreich ist, weil man darin nicht das Neue erfährt, sondern das, was man schon immer wusste, schlagzeilte gestern über eine ganze Doppelseite:

Zu viele Ausländerkinder machen den meisten Eltern Sorgen

Der hohe Anteil an schlecht oder gar nicht Deutsch sprechenden Ausländerkindern in den Schulen macht immer mehr Oberösterreichern Sorgen. Bei der Bildungsumfrage des Landes nannten 71 Prozent der befragten Eltern dieses Problem an erster Stelle.

Kronenzeitung – OÖ Bildungsumfrage (5. Juli 2008)

(OÖ Krone 5.7.2008)

 

So so. Nun, netterweise kann man besagte Bildungsumfrage auf der Seite der OÖ Landesregierung herunterladen. Ein Quellenstudium, das sich lohnt, aber auch einen guten Magen verlangt…

1. Akt – aus klein mach groß

Hier Chart 3 der Umfrage, der erste, der sich konkret mit dem Ausländeranteil in den Klassen befasst:

Frage: „[Ganz spontan:] wo sehen Sie die Schwächen im Schulsystem in Oberösterreich?“

(Antworten der befragten Eltern, absteigend sortiert)

OÖ Bildungsumfrage 2008 – Chart 3: Schwächen des Schulsystems

  • Wissensvermittlung: 10 %
  • bessere Lehrmethoden, Lernutensilien: 9 %
  • bessere Ausbildung der Lehrer, Fortbildung: 8%
  • Förderung der schwächeren Schüler, zu wenig Förderunterricht: 8 %
  • zu hoher Ausländeranteil in den Klassen: 7 %
  • zu viele Schüler in den Klassen: 7 %
  • […]
  • Keine Angabe: 19 %

(OÖ Bildungsumfrage 2008)

 

Das war eine offene Frage, es wurden also keine Antworten vorgegeben. Den befragten Eltern sind hier spontan die Bereiche Wissensvermittlung und Lehrmethoden als größter Schwachpunkt eingefallen. Danach folgen die Aus- und Weiterbildung der Lehrer und die Förderung schwacher Schüler. Erst auf Platz fünf folgt der Ausländeranteil in den Klassen, ex aequo mit dem offenbar ebenfalls zu hohen Inländeranteil.

Erstaunlich. Ein scheinbar brennendes Problem, das laut Krone „den meisten Eltern Sorgen“ macht, fiel bei der offenen Frage nur 7 % spontan von sich aus ein. Und auch keineswegs an erster Stelle.

Aber die Krone hat eigene Prioritäten:

Krone-Schlagzeile OÖ Bildungsumfrage (5. Juli 2008)

 

2. Akt – aus weniger mach mehr

Woher kommen nun die 71 %, die im Artikel als Begründung der Schlagzeile herhalten müssen? Sie stammen aus diesem Teil der Umfrage:

Frage: „Nun lese ich Ihnen noch verschiedene Aussagen zu möglichen Schwächen des Schulsystems vor und Sie sagen mir bitte auch dazu, ob Sie der jeweiligen Aussage sehr zustimmen (1), eher zustimmen (2), eher weniger zustimmen (3) oder gar nicht zustimmen (4). Beginnen wir mit…“

(Gesamtzustimmung „sehr“ + „eher“. In Klammer: Vergleichswert 2007)

OÖ Bildungsumfrage 2008 – Chart 5: Mögliche Schwächen des Schulsystems

  • hoher Anteil an Kindern mit schlechten Deutsch-Kenntnissen in vielen Klassen: 71 % (77 %)
  • mangelnde Motivation vieler Lehrkräfte: 76 % (76 %)
  • die Schultypen-Entscheidung muss zu früh getroffen werden: 68 % (62 %)
  • zu wenig Flexibilität in der Ausbildung, zu starres System: 72 % (66 %)
  • […]

(OÖ Bildungsumfrage 2008)

 

Jetzt, wo ihnen eine konkrete Bewertung vorgegebener Aussagen abverlangt wird, identifizieren die Eltern folgende Hauptschwächen, in absteigender Reihenfolge:

  1. 76 % die mangelnde Motivation vieler Lehrer
  2. 72 % ein zu starres Schulsystem (dieser Wert ist seit der letzten Umfrage um nahezu 10 % gestiegen) und
  3. 71 % Klassen mit zu vielen Kindern mit schlechten Deutschkenntnissen (ein Wert, der seit dem Vorjahr um 8 % gesunken ist)

Auch wenn sich dieser Teil schwer mit dem offenen von vorhin vergleichen lässt, scheinen die Eltern im Gegensatz zur Krone durchaus zwischen „den Ausländerkindern“ und solchen mit Sprachproblemen zu differenzieren. Außerdem finden über 2/3 der Eltern, dass die Schultypen- -Entscheidung zu früh getroffen werden muss.

Hochinteressante und spannende Einsichten, aber nicht für Krone-Leser:

Der hohe Anteil an schlecht oder gar nicht Deutsch sprechenden Ausländerkindern in den Schulen macht immer mehr [sic!] Oberösterreichern Sorgen. Bei der Bildungsumfrage des Landes nannten 71 Prozent der befragten Eltern dieses Problem an erster [sic!] Stelle.

(OÖ Krone 5.7.2008)

 

Dass der Redakteur die tatsächlich von den Eltern genannten Hauptschwächen des Schulsystems völlig ignoriert und stattdessen lieber „die Ausländer“ zur Schlagzeile kürt, mag dem Krone-Biotop geschuldet sein, aber wie er dann im Text angesichts eines Rückgangs von 8 % auf eine Steigerung kommt, weiß wohl nur sein behandelnder Arzt.

Auch konnten die Eltern „dieses Problem“ schwer „an erster Stelle“ nennen, da eine Reihung in der Fragestellung schlicht nicht vorgesehen war. Doch das nur am Rande.

3. Akt – ergänze Vorsatz durch Inkompetenz

Weiter geht’s im Krone-Bericht:

73 Prozent wünschen sich eine Überprüfung der Deutschkenntnisse von ausländischen Kindern vor deren Einschulung. […] 83 Prozent der Eltern wollen eine Verkleinerung der Klassenschüler-Höchstzahl auf maximal 25 Kinder.

(OÖ Krone 5.7.2008)

 

OÖ Bildungsumfrage 2008 – Chart 6: Bewertung von Reformvorschlägen

Hier hat der glücklose Journalistenanwärter in der Krone-Redaktion übersehen, dass die 73 bzw. 83 % nur jener Anteil der Eltern sind, die diesen Reformvorschlag „sehr gut“ finden. „Gut“ fehlt hier im Papier. Die Elternwerte werden nämlich nur für ausgesuchte Bereiche, ergänzend zu jenen der Gesamtbevölkerung, angegeben. Zugegeben, das ist wirklich tückisch. Nimmt man die „sehr gut“ und „gut“-Beurteilungen der Gesamtbevölkerung zusammen, kommt man auf 90 % bzw. 96 % Zustimmung. Die Werte der Eltern dürften ähnlich hoch liegen.

4. Akt – halbiere die Prozent, verdopple die Befragten

Ganz am Ende der Wunschliste steht die Einführung einer Gesamtschule für alle 14-Jährigen anstelle der Hauptschule und der Gymnasien. Nur 15 Prozent der 1025 Befragten erwärmen sich dafür.

(OÖ Krone 5.7.2008)

 

„Sie erinnern sich: dreimal wurde unser Ausnahmetalent schon mit Fakten angespielt und dreimal ist er kurz vor der Wahrheit gescheitert. Den ‚Hattrick‘, wenn Sie so wollen, hat er also schon. Doch was ist das? Uuuh, wieder ein Prozentwert – und eine große Zahl. Im selben Satz! Ob das gut geht? … Neeein, es kommt, was kommen muss: beide daneben! Was für ein Trauerspiel, meine Damen und Herren. Und damit gebe ich zurück ins Funkhaus.“

Danke für diesen Livebericht aus der Krone-Arena. Herbert, was ist hier schiefgelaufen?

Erstens: Der Redakteur bezieht sich eindeutig auf die 15 % der Eltern (nur dort kommt der Wert in diesem Zusammenhang vor), spricht aber dabei von 1025 Befragten. Er übersieht hier, dass die Elternbefragung zusätzlich zu jener der Gesamtbevölkerung, mit einem Sample von nur 500 Personen erfolgte:

n= 1025 telefonische CATI-Interviews repräsentativ für die oberösterreichische Bevölkerung ab 18 Jahren + Aufstockung auf n= 500 telefonische CATI-Interviews mit Eltern von Kind (ern) bis 15 Jahre

(OÖ Bildungsumfrage 2008)

 

Zweitens: Es fehlt auch hier wieder der Prozentwert jener Eltern, die den Reformvorschlag Gesamtschule „gut“ finden. Dabei wäre der Redakteur bei dieser Frage gar nicht auf den lückenhaften Chart 6 angewiesen gewesen. Hätte er nur eine Seite weiter geblättert, hätte er zur Frage „Gesamtschule“ nämlich diese höchst aufschlussreiche Detailtabelle gefunden:

OÖ Bildungsumfrage 2008 – Chart 7: Gesamtschule

Da hätte er dann auch erfahren, dass sich in Wahrheit fast doppelt so viele Befragte wie von ihm behauptet, nämlich 28 %, für die Gesamtschule erwärmen können. Und die 68 Prozent aus Chart 5, die zwar nicht unbedingt die Gesamtschule wollen, aber finden, dass die Schulentscheidung zu früh erfolgt, hätte man als ordentlicher Journalist hier natürlich auch anführen können.

Aber was red ich denn da?
Kronenzeitung … ordentlicher Journalismus…?

Ich mein, man weiß es ja eigentlich eh. Aber stellen wir uns mal kurz vor, was die wohl jeden Tag aufführen, bei Geschichten, die sich nicht so leicht überprüfen lassen…

„UNABHÄNGIG“ steht stolz in Großbuchstaben auf jedem Titelblatt der Krone. Das ist sie in der Tat. Unabhängig, von der Wahrheit.



13 Kommentare und 1 Zitat in anderen Blogs

  1. 1
    tyndra says:

    da habt ihr recht, don quichote! immer wieder frage ich mich, warum die kronen zeitung dermassen viele leser hat. vielleicht liegt´s am handlichen format? 😉
    [ich will immer noch nicht glauben, dass tatsächlich SO viele menschen SO niveaulos und SO unkritisch sind]

  2. 2
    Bulgariana says:

    Ich hatte mal ein Gratis Abo der Kronenzeitung. Nach ein paar Tagen rief mich die Krone an und wollte wissen wie ich mit der Zeitung zufrieden sei und ob ich nicht vielleicht ein echtes Abo möchte. Ich habe mir echt nichts dabei gedacht und habe gesagt, dass ich keinesfalls ein Abo möchte, weil ich eben überrascht sei wie ausländerfeindlich die Zeitung ist, daraufhin sagte mir die Dame, dass ich sowieso nicht die richtige Zielgruppe sei und hat aufgelegt :-))

  3. 3
    Hightower says:

    Intelligente Personen sind nicht die Zielgruppe der Krone (Anm.: Ich weigere mich das Zeitung zu nennen).

  4. 4
    hans says:

    Ich bin ja nur froh, dass ich kein Abo habe. Denn fast jedesmal, wenn ich zufällig so ein Blatt in die Hand kriege, sehe ich mich genötigt einen Artikel im Blog zu schreiben (gilt übrigens auch für „Heute“ und „Österreich“). Da käm ich ja aus dem Schrei(b)en nimmer raus. Echt meine Hochachtung vor den vielen Millionen Landsleuten, die sich das jeden Tag freiwillig antun – ich könnt das nicht 😉

  5. 5
    Hightower says:

    Die Krone-Leser musst Du nicht bewundern:
    „Die Dummheit ist die sonderbarste aller Krankheiten. Der Kranke leidet niemals unter ihr. Die schmerzhaft leiden, sind die Intelligenten.“ – Paul Henry Spaak

  6. 6
    Helmuth says:

    Da verirr ich mich vom Alumnimail auf den Blog und dann so was!

    Jetzt mach ich mir echt keine Sorgen mehr ob all der Einflüsterer,
    „geniessts das studiern so lang wie möglich, danach habts für gor nix mehr Zeit“ – hehe – danke für den eindrucksvollen Gegenbeweis.

    Aber net falsch verstehn, hab scho lang kan mit so feiner Klinge geschriebenen Artikel mehr gelesen und beispielhaft recherchiert – respect.

    Wahrscheinlich is die Krone eh nur Teil einer Weltverschwörung den Hinterfragenden das Leben zu erschweren oder das Wegschaun zu erleichtern. So oder so, verdient dei Artikel weit mehr Beachtung als der ursprüngliche was des eigentlich „traurige“ an der Sache is 🙁

    Mich hast du auf alle Fälle als Leser gewonnen, und ich werd mich bemühen deinen Blog apostolisch zu verbreiten 😉

    lG aus Graz bzw. LE
    Helmuth

  7. 7
    hans says:

    Hallo Helmuth,

    mah, was soll ich da noch sagen? Bin ganz erschlagen – Danke! 🙂

    Und freut mi natürlich riesig, wieder einen Leser mehr zu haben. Wobei, meistens geht’s hier ja nicht ganz so tiefschürfend zu, aber manchmal muss halt auch so was raus.

    Vielleicht sehn wir uns ja im August, tät mi freun.

    lg aus Linz
    ha|ns

    PS: Wobei, hab ich jetzt ganz übersehen, du bist ja noch ein bisserl weg vom Alumni-Dasein, gell… :-}

  8. 8

    sehr schön filetiert lieber Hans!
    @ Hans: so geht es mir auch immer, wenn ich eins von diesen Dreckblattln in den Finger kriege. aber ich les sie bewusst um zu sehen, was den Leuten so serviert bekommen. du siehst, ich bin mir nicht zu fein für so eine Drecksarbeit. aber dann kann man besser argumentieren. Hab heute wieder so ein lobhudelndes Faymanngedicht vom Wolf Martin gelesen, da hat der ihm wieder den Grieß ums Maul geschmiert.

  9. 9
    hans says:

    Tja, die Kronen Zeitung muss ja jetzt allen beweisen, wie sehr es sich auszahlt, wenn man sich mit ihr gut stellt. Da kann His Master’s Wolf nicht nachstehen.

    Wie nennt man das eigentlich, wenn in einer Zeitung kein Journalist mehr schreiben kann, was er wirklich denkt, nur weil der Chef von zwei Politikern an der richtigen Stelle gebauchpinselt wurde?

    Ach ja: „UNABHÄNGIG“.

  10. 10
    aebby says:

    Hallo, ich melde mich hier zum ersten Male zu Wort, bin über die Weltbeobachterin hierher gekommen. Sehr guter und entlarvender Beitrag, der Text könnte in ein „Lehrbuch“ aufgenommen werden. Bitter, dass viele die Kronen-Wahrheit glauben wollen. Das bunderepublikaische Pendant zur Kronen-Wahrheit ist dann die BILDung – die ist auch unabhängig.

  11. 11
    hans says:

    Willkommen! Und Danke 🙂

    Wobei ich fast glaube, dass es bei uns mit der Krone noch ein bisserl tückischer ist als mit der BILD in Deutschland.

    In Deutschland sagt zumindest fast jeder, dass man der BILD eh nicht glauben darf. Leider „funktioniert“ dieses Wissen bei vielen Menschen dann doch wieder nur in jenen kurzen Momenten, wo sie bewusst über das Blattes reflektieren – aber der nahezu unerschütterliche Respekt des Lesers vor dem gedruckten Wort (den die Druckenden oft gar nicht haben) ist eine andere Geschichte.

    Bezüglich der Krone hingegen gibt es ja noch nicht mal einen breiten öffentlichen Grundkonsens, dem Blatt – sagen wir mal – kritisch zu begegnen. Das ist hierzulande eher nur eine akademische Spinn… Spielerei, die insgesamt nicht allzu ernst genommen wird. Wirklich infrage gestellt werden Integrität und Autorität der „Krone“ (diesen Namen kann man durchaus auch im habsburgischen Sinne lesen) letztlich kaum jemals. Ich glaube, das ist schon noch ein kleiner Qualitätsunterschied zu BILD & Co.

  12. 12
    aebby says:

    Dank zurück.

    Anders? … eigentlich müsste ich ein entschiedenes „Jein“ sagen. Anders was die Wirkungskette angeht, gleich vom Ergebnis. Es mag sein, dass das Wissen über die Methoden der „Bild“ in Deutschland weiter verbreitet war. Ich beobachte aber, dass die Skepsis nahezu verschwunden ist. Der Drang sich an einfache Wahrheiten zu klammern wächst. Zudem erhält die Bild sukzessive Verstärkung, ein breites Spektrum von Zeitungen schwenkt auf den unsäglichen Stil der Bildzeitung ein. Die Grammatik und Form der Lüge liest sich etwas intelektueller die Aussage ist aber die gleiche. Jemand der Bildzeitung liest und gelegentlich noch in eine andere Zeitung blickt sieht sich bestätigt, dass die Bild doch die Wahrheit sagt. Das ist gerade besonders schön an der „Arbeitslosigkeit-ist besiegt-Kanzlerinnen-Legende zu sehen“ die nahezu unisono durch den Blätterwald verbreitet wird. Das Resultat: BILD bildet die Meinung und die Wahr(genommen)heit.

    Dass es gegenüber der Krone noch weniger kritische Stimmen gibt war mir nicht so bewusst, liegt natürlich daran, dass ich die Krone mehr aus Bloggerkreisen kenne, die sicher nicht repräsentativ sind. Der habsburgische Sinn war mir auch schon durch den Kopf gegangen 😉

  13. 13
    hans says:

    „Eine komplizierte Welt braucht einfache Wahrheiten.“ Vielleicht kommt der Slogan ja sogar noch *seufz*

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  1. […] es dann wieder bei Bassena einen treffenden Beitrag zum Thema “KRONENZEITUNG” gibt, werden wir das in der Außen-Schelte nicht […]

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