Von Linz nach Graz — Bahn fahren wie 1965

Dieses Wochenende hatte ich das zweifelhafte Vergnügen einer Fahrt im IC auf der Pyhrnstrecke Linz-Graz. Habt ihr den Haken eben bemerkt? Ich schrieb InterCity, nicht ÖBB InterCity. Natürlich sind beide von den ÖBB, dennoch sollte man auf diese vermeintliche Kleinigkeit achten. Der Unterschied für den Kunden ist nämlich gewaltig: Ca. 40 Jahre Eisenbahngeschichte! Ich bin natürlich auch drauf reingefallen. Das ist wohl auch der Sinn dieser kleinen, fiesen Marketing-Finte: Für Uneingeweihte so tun, als wären alle InterCity auf ungefähr dem selben Niveau. Unterscheiden sich ja nur in dem selbstverständlich wirkenden Zusatz "ÖBB", der kaum den Verdacht erweckt, in Wahrheit eine völlig andere Zug-Gattung zu bezeichnen. Selbst die Beschreibung der Zugkategorien auf der ÖBB-Homepage lässt nicht ansatzweise erahnen, wie groß der Unterschied in der Realität ist. Hier der "ÖBB IC":
Höchste Qualität in Ausstattung und Service: ÖBB EC/IC 2. Klasse
  • elegante Sitzgarnituren in edlem Design
  • verbesserter Handyempfang durch spezielle Verglasung
  • ausschließlich klimatisierte Züge
  • Stromanschluss für Laptops oder andere elektronische Geräte
[...] Der ÖBB IC bietet die selbe komfortable Ausstattung wie der ÖBB EC mit dem Unterschied, dass kein Speisewagen mitgeführt wird und Ihre Betreuung im ÖBB IC durch ein mobiles Bordservice erfolgt. Quelle: ÖBB »
Als regelmäßig Reisender auf der Westbahnstrecke kann ich das bestätigen. Die "ÖBB IC" sind absolut auf der Höhe der Zeit und auf langen Fahrten meist angenehmer, entspannender und schneller als das Auto. Und das ist laut ÖBB der "IC" (ohne "ÖBB" vorne dran):
InterCity Auch in den InterCitys, den nationalen Taktzügen zwischen den großen Städten und Touristikzentren, genießen Sie erstklassigen Komfort. Quelle: ÖBB »
Hmmm, etwas einsilbig, findet ihr nicht auch? Ich denke, diese Beschreibung wäre noch ausbaufähig. Liebe ÖBB, wie wär's, wenn wir sie um ein paar Eindrücke von meiner (hoffentlich) letzten Fahrt auf der Pyhrnbahn ergänzen:

InterCity

ÖBB 4010 Garnitur Genießen Sie das Flair längst vergangener Zeiten. In unseren historischen Eisenbahngarnituren aus den 60er Jahren...
ÖBB 4010 – Gang können Sie sich noch mal so richtig zurückversetzen lassen...
ÖBB 4010 – Fensterplatz in eine Zeit, in der noch nicht Stress und Hektik den Alltag bestimmten. Selbstverständlich müssen Sie dennoch auf keinerlei Komfort verzichten.
ÖBB 4010 – Ausziehtisch Ablagen für Notebooks und modernste Multimediageräte sind ebenso selbstverständlich, wie...
ÖBB 4010 – Vorhang eine CO2-neutrale Klimaanlage mit integriertem UV-Sonnenschutz in jedem Abteil.
ÖBB 4010 – Schalter für Licht und Lautsprecher Mit etwas Geschick können Sie sogar Ihre elektronischen Geräte an unser Bordnetz anschließen.
ÖBB 4010 – Kleiderhaken Und liebevolle Gestaltung bis ins kleinste historische Detail, lässt Ihre Reise zum unvergesslichen Erlebnis werden.

Also, warten Sie nicht länger! Besuchen Sie uns in einem der ÖBB-Servicecenter und buchen Sie Ihre Reise von gestern, zu Preisen von morgen.

Wir freuen uns auf Sie!

Zukunft am Zug?

Ja, was da zwischen Linz und Graz verkehrt ist tatsächlich eine historische 4010er Garnitur. Diese Baureihe wurde laut Wikipedia bei den ÖBB zwischen 1965 und 1978 in Dienst gestellt. Immerhin wurden diese Züge in den 90ern "modernisiert" und bieten nun folgende zeitgemäße Annehmlichkeiten:
  • Kein Strom Als ich den Zugbegleiter Schaffner nach einem Waggon mit Steckdose fragte, sah er mich kurz an, als wäre ich ein Zeitreisender aus der Zukunft.
  • Kein Klima O-Ton Schaffner: "Es gibt schon einen klimatisierten Waggon, aber dort ist es heißer als hier, weil die Anlage zu wenig kühlt und die Fenster ja nicht aufgehen." Wenige Minuten später sah ich seine Aussage bestätigt. Reisende wanderten durch die Gänge und suchten unter Abgabe tlw. nicht zitierfähiger Unmutsäußerungen einen neuen Sitzplatz. Sie hatten vergeblich gehofft, die Klimaanlage würde nach Abfahrt des Zuges "anspringen".
  • Kein Service Okay, der mobile Bordservice nervt meistens eh nur.
  • Polstermöbel aus Großmutters Zeiten die nach spätestens zwei Stunden Fahrt deutlich spüren lassen, dass eine konvexe Sitzwölbung nicht dem Gesäß-Design eines Reisenden auf unserem Planeten entspricht.
  • Eine sagenhafte Durchschnittsgeschwindigkeit von 60 km/h Damit um über eine Stunde längere Fahrzeit von Linz nach Graz als mit dem Auto. Ein Gutes hat's: Die Gefahr eines Deliriums Furiosum [[Begriff aus einem historisch umstrittenen med. Gutachten zur Einführung der Eisenbahn im Jahre 1835: "Ortsveränderungen mittels irgend einer Art von Dampfmaschine sollten im Interesse der öffentlichen Gesundheit verboten sein. Die raschen Bewegungen können nicht verfehlen, bei den Passagieren die geistige Unruhe, 'delirium furiosum' genannt, hervorzurufen. Selbst zugegeben, dass Reisende sich freiwillig der Gefahr aussetzen, muss der Staat wenigstens die Zuschauer beschützen, denn der Anblick einer Lokomotive, die in voller Schnelligkeit dahinrast, genügt, um diese schreckliche Krankheit zu erzeugen. Es ist daher unumgänglich nötig, dass eine Lärmschutzwand Schranke, wenigstens sechs Fuß hoch, auf beiden Seiten der Bahn errichtet werde."]] dürfte sich in Grenzen halten.
Tja, "Zukunft am Zug" lautet der ÖBB-Werbeclaim. Von "im" war nie die Rede.

Reisen 2. Klasse

Richtig verarscht fühlt man sich aber erst, wenn man auf so einer Nostalgiefahrt Richtung Graz hin und wieder nach rechts aus dem Fenster blickt. Da hat man, den Berg hoch, oft einen wunderschönen Blick auf die mit Milliardenaufwand neu gebaute Pyhrnautobahn. Eine moderne, komfortable Hochgeschwindigkeitsstrecke für den erdölgetriebenen Individualverkehr. Mit unzähligen Brücken, Tunnels, Unterflurtrassen. Kein Aufwand war hier zu hoch, um jede überflüssige Fahrminute zu eliminieren und die Strecke an die Anforderungen des 21. Jahrhunderts anzupassen. Das Traurige: Selbst wenn man heute noch anfinge, würden wohl an die 20 Jahre vergehen, bevor man über die Bahn dasselbe sagen könnte. Kein Wunder, dass die meisten Menschen lieber in den sauren Apfel steigender Benzinpreise beißen. Der öffentliche Verkehr ist hier zum Notnagel für Randgruppen verkommen, die keine andere Wahl haben. Aber er ist Lichtjahre davon entfernt, eine konkurrenzfähige Alternative zu sein, auf die man gerne und freiwillig umsteigt. Auf die Pyhrnbahn umsteigen werde auch ich nie mehr. Jedenfalls nicht freiwillig. 500 Schilling 35 Euro sind mir schlicht zuviel für diese Form des Zeitreisens. Die nächste Fahrt nach Graz findet wieder mit dem Auto statt, wenn es sich mit Freunden nur irgendwie einrichten lässt. Und hin und wieder werde ich dann, oben auf der Autobahn, in Gedanken mal hinunterschaun, auf die armen Reisenden da unten, im Jahre 1965.

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