Der Kampf gegen den Terror von Amstetten

Fast könnte man meinen, in Amstetten sei eine Bombe hochgegangen und wir wären nun Zeugen einer Art kopflosen Brainstormings gegen den Terror.

Höhere Strafen, längere Tilgungsfristen, Berufssperren, Ansiedelungsverbote. Unsere Politiker übertreffen sich gegenseitig im Schaulaufen um die beste Schlagzeile. Der anlass(gesetz)gebende Fall und die Opfer sind nur mehr Mittel zum Zweck. Längst schon verfolgt in diesem hochemotionalen „Kampf gegen das Böse“ jeder nur seine alte Agenda. Schaut, was Volk und Krone hören wollen und was ihm die meisten Wähler bringt.

Fällt eigentlich noch wem auf, dass das fast alles Maßnahmen sind, die nur greifen, wenn man einen Täter schon mindestens einmal erwischt hat – und es mindestens schon ein Opfer gibt?

Was unsere Politiker tun, ist nix anderes als zu sagen: „Opfer werden wir kaum verhindern, im Bereich der zig-Mal größeren Dunkelziffer schon gar nicht, aber wartet nur, bis wir so einen Täter mal in die Finger kriegen, dem zeigen wir es dann aber richtig … hinterher.“

Und alle, die jetzt so laut schreien, kümmern sich interessanterweise nur um die Täter. So sehr „den Linken“ immer vorgeworfen wird, es interessiere sie nur, was man für die Täter tun könne, so sehr scheint jetzt „die Rechten“ nur zu interessieren, was man gegen die Täter tun kann. Und die Opfer? Die interessieren kaum. Da können sich die Extremsten beider Lager die Hände reichen. Wie es halt so ist, wenn man möglichst viel Abstand vom anderen gewinnen will – auf einer Kugel…

Nicht mehr wegschauen

So heißt jetzt die Devise. Alle werden verpflichtet – wenn schon nicht per Gesetz, so doch moralisch – alles anzuzeigen, was ihnen verdächtig vorkommt. Mal abgesehen vom leicht miefigen Vernaderergeruch, fällt’s wem auf? Erneut soll gewartet werden, bis schon so viel passiert ist, dass es auch von außen kaum mehr zu übersehen ist…

Und da wird der Fall eben doch typisch österreichisch. Nie an die Wurzel gehen. Es könnt ja weh tun oder mehr Hirnschmalz und Energie kosten wie die ach so bequemen, einfachen Lösungen. Lieber ganz schnell alles wieder zudecken und dafür so richtig laut jammern, wenn’s dann wieder mal „aus heiterem Himmel“ richtig dick kommt. Darin sind wir Weltmeister.

Jetzt mal ernsthaft. Gesetzt den Fall, wir hätten da zB einen Lehrer, der dieses schlimme Verlangen spürt. Der aber etwas dagegen tun möchte, weil er nicht damit leben könnte, ein „Kinderverzahrer“ zu werden. Was hat der für Möglichkeiten? Wo kann der hin? An wen kann der sich wenden? Der muss sich doch einem von Medien und Populisten aufgeheizten Lynchmob gegenübersehen. Der muss doch das Gefühl haben, er steht schon allein nur mit seinen Gedanken so weit außerhalb dieser Gesellschaft, dass jeder Versuch, sich an jemanden um Hilfe zu wenden, für ihn das totale Aus bedeuten könnte. Beruflich, privat und existenziell.

Was wird er also vermutlich tun? Er wird versuchen, die Sache mit sich selbst auszumachen, sein Verlangen zu unterdrücken, so lange es halt geht – bis es vielleicht zu spät ist… Und dann kann es sich bitter rächen, wenn in blindem Aktionismus das Maß für jede angemessene Strafe verloren ging. Denn niemand ist gefährlicher für seine Opfer, als ein Täter, der glaubt, er habe nichts mehr zu verlieren.

Natürlich gilt der Umkehrschluss nicht, dass dann gar keine Strafe das Beste im Sinne der Opfer wäre. Aber es ist eben nicht so einfach wie manche uns weismachen wollen. Noch ein anderes Dilemma bergen Extremstrafen in sich: Die Täter stammen meist aus dem persönlichen Umfeld. Und je schlimmer die Konsequenzen für den Onkel, den Papa, die eigene Familie sind, desto schwerer wird es den Opfern – vor allem aber auch anderen Angehörigen – fallen, diesen Menschen, mit dem sie eine sehr enge Bindung haben, der Justiz auszuliefern. Dann halt lieber doch a bissl wegschaun…

„Lieben Sie Kinder mehr als Ihnen lieb ist?“

Das ist seit einigen Jahren der Slogan einer Ambulanz an der Berliner Charité. Sie richtet sich damit an meist noch unbescholtene Männer und Frauen mit pädophilen Neigungen, um ihnen ein europaweit einmaliges Hilfs- und Therapieangebot zu machen. Schon im ersten Monat hatte die Resonanz alle Erwartungen übertroffen. Manche von den Hilfesuchenden nehmen jede Woche 500 Kilometer Anfahrtsweg in Kauf, um sich dort vorbeugend behandeln zu lassen.

Ganz ehrlich, in Projekte wie dieses habe ich mehr Vertrauen, dass sie tatsächlich und aktiv neue Opfer verhindern können, als in so ziemlich alles, was ich in den letzten Tagen von unseren Politikern – bis hinunter zu Westenthaler – gehört habe.

Ansetzen müsste man aber natürlich auch bei den Kindern. Im Elternhaus, in Kindergarten und Schule. Sie zu starken und aufgeklärten Menschen heranziehen, die (typisch österreichisch?) scheinbare Autoritäten hinterfragen und selbstbewusst „nein“ sagen können. Sie für Gefahren sensibilisieren, ohne gleich Missbrauchshysterie zu schüren. Sicherstellen, dass sie Ansprechpartner haben, denen sie sich anvertrauen können.

Last not least wäre es angesagt, sich mit präventiver Reinwaschung der Behörden zurückzuhalten und die rückhaltlose Aufklärung etwaiger Versäumnisse nicht dem Zufall und der Recherche hartnäckiger Journalisten zu überlassen. Und weil wir grad bei Journalisten sind: wer den Opfern wirklich helfen will, der sorgt auch im Mediengesetz dafür, dass Grenzüberschreitungen im Bereich der Privatsphäre nicht mal eben aus der Portokassa zu begleichen sind.

Das wäre natürlich alles ein bisschen unbequemer und komplizierter umzusetzen als „Schwanz-ab“ und „lebenslang für Kinderschänder“. Dafür müsste man das Problem ja ernst nehmen, sich vorbehaltlos und differenziert, gemeinsam mit Experten und ohne ideologische Scheuklappen, mit allen Aspekten auseinandersetzen und dürfte nicht nur die eigenen Umfragewerte und die nächste Wahl im Auge haben.

Aber solche Lösungen werden wir in Österreich auch aus einem anderen Grund so bald nicht sehen: Ihr Erklärungsbedarf sprengt leider den Platz einer -Krone-Schlagzeile.



4 Kommentare und 1 Zitat in anderen Blogs

  1. 1
    tyndra says:

    da hast du einmal mehr recht. in jeder hinsicht.

  2. 2
    Gerold Neuwirt says:

    Hans, es ist schön endlich einmal einen Artikel über dieses Thema zu lesen der das Gesamtbild der Situation mit brauchbaren Ansätzen darstellt und nicht immer die Hasstiraden von einzelnen Personen abbildet. Gratuliere!

  3. 3
    hans says:

    Danke! Gerade bei Artikeln wie diesem, die mir wirklich am Herzen liegen, bedeutet mir Feedback (egal ob zustimmend oder nicht) sehr viel.

  4. 4

    viele Täter waren zuvor Opfer
    du sprichst vieles an, was ich mir auch denke.
    Wenn man das Projekt in Ö realisieren würde, denke ich auch würden viele die Hilfe annehmen. Ich hab mal gehört: Wer Hilfe annehmen kann, ist fähig andere zu helfen.
    und ad Artikel, mir gehts auch oft so. Ich steh auch auf Feedback bei Artikel, die mir wichtig sind.

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  1. […] lieber Präsident hat einen Spitzentext zum Amstettner Inzestfall geschrieben, und ich kann jedem nur empfehlen, das einmal durchzulesen. Leute wie Hans bräuchte […]

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