„Heute“ – billiger als gratis

Unfassbar, schon wieder ein Vertuschungsskandal im Fall Kampusch! Beweise wurden vernichtet. Fotos und DVDs verschwanden. Die Wahrheitsfindung der Kripo durch das Ministerium massiv behindert. So jedenfalls der „exklusive“ Aufmacher der Gratiszeitung „Heute“.

Innen liest sich das dann so:

Gratiszeitung „Heute“ v. 16.4.2008 mit Kampusch-Vertuschungsskandal-Aufmacher

So wurden etwa bei der Hausdurchsuchung in Priklopils Folter-Villa in Strasshof zwei Datenträger mit Beweismaterial sichergestellt. Der Akt merkt dazu an: „Zwei DV-Mini mit Bildsequenzen der NK (Natascha Kampusch, Anm.) gefunden. Auswertung sofort gestoppt. AL (Amtsleiter, Anm.) verständigt.“

Der Peiniger hatte Natascha also offenbar im Verlies fotografiert. Die ermittelnden Beamten durften das Material, auf dem möglicherweise Hinweise auf Straftaten oder Mittäter zu finden gewesen wären, nicht einmal anschauen, sondern mussten es ungeprüft und versiegelt ans Gericht weiterleiten. Wie eine Ermittlungsbehörde unter solchen Bedingungen seriös arbeiten soll – schleierhaft.

» Ganzer Artikel auf heute.at

 

Außerdem sei noch angeordnet worden, das erste erkennungsdienstliche Foto nach Kampuschs Auftauchen zu vernichten (das sind die vernichteten „Beweise“ von der Titelseite) und auch private Gegenstände von Frau Kampusch hätten unverzüglich ohne Sichtung ans Gericht weitergeleitet werden müssen. Das war dann im wesentlichen der Riesen-Skandal vom Titelblatt.

Schon blöd. Da sollten die Beamten also angeblich ein vermutlich nicht allzu vorteilhaftes Foto von Natascha Kampusch vernichten und mussten Priklopils Videos umgehend versiegelt ans Gericht weiterleiten. So dass der Aufklärung und Wahrheit verpflichtete Journalisten und andere notorische Kampusch-Trittbrettfahrer praktisch überhaupt keine faire Chance mehr hatten, irgendwie an das Material heranzukommen.

So schöne Schlagzeilen wären das geworden:

Die perversen Videos des Wolfgang Priklopil

oder

Natascha Kampusch – das erste Foto nach der Flucht!

Die von Hans Dichands Schwiegertochter geführte Gratiszeitung wäre da jedenfalls kein unbeschriebenes Blatt. Einige erinnern sich vielleicht: „Heute“ hatte im Juli letztens Jahres als erste Zeitung Paparazzi-Bilder von Natascha Kampusch mit ihrem angeblichen Freund veröffentlicht und in einer zu Herzen gehenden Love-Story verwurstet. Das Echo war gewaltig. Die Bild-Zeitung sprang auf den Zug auf, und bald war die angebliche Affäre um die ganze Welt rum.

Dafür wurde „Heute“ im Dezember zu 13.000 Euro Schadenersatz verurteilt1), da es den höchstpersönlichen Lebensbereich verletzt und in herabwürdigender Weise berichtet habe.

Auch ein Skandal, dieses Urteil. Ganz sicher.

 

Update 19.4.2008: Habe ich oben geschrieben „so schöne Schlagzeilen wären das geworden?“. Ich muss zugeben, ich habe die menschliche Anständigkeit und moralische Integrität der „Heute“-Redaktion überschätzt. Das am Mittwoch war offenbar nur das Vorspiel, wie wir inzwischen wissen. Am Freitag hat das Blatt nachgelegt. Wieder mit schonungslosen Details aus dem höchstpersönlichen Lebensbereich von Natascha Kampusch. Wieder eine Story, die wohl um die Welt gehen wird. Wieder eine Sternstunde des österreichischen Journalismus, unter der Ägide von Frau Dichand, die sich so für Höheres empfehlen dürfte.

Ich weiß nicht was in Priklopils Keller passiert ist – und ich will es auch gar nicht wissen – aber was „Heute“ und Konsorten veranstalten, das ist jedenfalls fortgesetzter Missbrauch und Vergewaltigung. Im APA-Interview sagte „Heute“-Chefredakteur Richard Schmitt sinngemäß: „Natascha Kampusch ist Opfer und wird immer Opfer bleiben“.

Eine gefährliche Drohung.

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  1. noch nicht rechtskräftig [↑]


4 Kommentare und 1 Zitat in anderen Blogs

  1. 1
    Christoph says:

    Genau, ein absoluter Skandal! Das Volk hat ein Recht darauf, jedes Detail von NK zu wissen. Welche Zahnbürste benutzt sie? Wenn sie mit jemanden intim wird, erwarte ich mir detailreiche die Paparazzi-Bilder. Zur Not soll man eine Infrarotkamera verwenden und erotische Collagen als Ansichtsmaterial anfertigen. Und überhaupt sollte der Dichand Reichs… *äh* Bundeskanzler werden. 😉

  2. 2
    tyndra says:

    mir is schlecht 🙁

  3. 3

    einfach nur zum kotzen diese Journaille und CO.

  4. 4
    Birni says:

    Ich muss Dir voll und ganz zustimmen. Und wie Du schon angemerkt hast, sollte ich das „wieder“ aus meinem Artikel vielleicht wirklich streichen. Heute hat sich wohl noch nie auf einem höheren Niveau befunden als sie das momentan tut.

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