Der verlorene Koch aus Asien

Heute geht es wirklich Schlag auf Schlag. Während ich noch den Bus von eben fotografiere, kommt jemand auf mich zu. Ein Asiate, so um die 40 Jahre, vielleicht auch etwas jünger, etwa 1,75 groß, rundes Gesicht, leicht untersetzte Statur, sauber gekleidet, kleiner Rucksack auf dem Rücken: „Entschuldigen Sie, … ich komme von Graz…“

Während er in seinem irgendwie putzigen Akzent weiterspricht, deutet er beiläufig mit seiner linken Hand auf eine ganze Reihe von Unterlagen in seiner Rechten. Darunter auch, nicht ganz obenauf, sondern gerade so, dass man sie noch halbwegs erkennen kann, zwei ÖBB-Faltfahrpläne, auf denen Graz und Linz zu lesen ist.

Er müsse telefonieren, fährt er fort und zeigt nun auf den obersten Zettel. Es ist ein bedrucktes Blatt, irgendeine Touristeninfo oder so, auf das jemand mit Kugelschreiber drei Telefonnummern dazugeschrieben hat. Nix Exotisches, irgendwelche 0676er und ähnliche. Es sieht so aus, als habe ihm jemand diese Nummern als Kontakt in Linz gegeben.

Der Arme wirkt echt total verloren in der fremden Stadt. Seine einzige Anlaufstelle scheinen diese Nummern zu sein, die er nicht anrufen kann, weil ihm Kleingeld fehlt. Alles was er selber hat, sind ein paar Kupfermünzen, die er mir in seiner linken Hand zeigt.

Wenn jemand so offenkundig in Not ist, wie dieser arme Kerl, helfe ich natürlich. Ich sage also: „Entschuldigen Sie, aber ich kenne Sie. Sie haben mich doch schon einmal angesprochen, letzten Sommer. Sie sind ‚Koch‘, nicht wahr?“ Er lächelt verlegen und stammelt etwas Unverständliches wie: „jahaa, ich bin vor Monat wieder…“. Ich beschließe, sein Leiden mit einem freundlichen „tut mir leid“ abzukürzen. Er zögert kurz, ist aber wohl froh, so glatt aus der Nummer zu kommen und trottet weiter seines Weges…

Rückblende – Sommer 2007

Letzten Sommer, als ich mit Freunden abends vor der Capetown Winery in der Herrenstraße saß, war er auch auf uns zugekommen. Er hatte genau die gleichen Unterlagen dabei und auch die Story war dieselbe wie heute. Damals hatten wir uns aber länger um ihn angenommen. So erfuhren wir eben auch, dass er angeblich einen Job als Koch habe, aber seinen Arbeit- und Quartiergeber nicht erreiche.

Wir hatten ihm damals unser Handy angeboten, damit er die Nummern auf seinem Zettel anrufen könne. Das hat er auch versucht, aber scheinbar niemanden erreicht.1) Er hatte dann sogar noch gebeten, ob er nicht bei jemandem von uns übernachten könne, da er ja jetzt überhaupt nicht mehr wisse, wohin. Darauf sind wir aber dann doch nicht eingestiegen.

Der Arme, er irrt offenbar immer noch ganz verloren durch Linz…

 

Update 30.09.2008
Nahezu prophetisch, der letzte Satz oben. Auf diesen Artikel bin ich heute zufällig im Linzer „City!“-Magazin gestoßen:

Linzer City-Magazin: ‚Kulturhauptstadt lockt auch Trickbetrüger an‘

„[…] danach bittet er um Kleingeld, um einen wichtigen Anruf tätigen zu können. Ein CITY!-Leser bot ihm daraufhin freundlicherweise sein eigenes Handy an – davon war der Mann aber nicht wirklich begeistert und zeigte auf die Tasche des Linzers. „Daraufhin bin ich total verärgert abgezogen“, so unser Leser empört. Kurioserweise scheint der aus Asien stammende „Tourist“ kein besonders gutes Gedächtnis zu haben. Drei Tage später sprach er unseren Leser erneut an fast der gleichen Stelle mit der selben Masche an.“

 

Obwohl, so richtig einer von den bösen, fiesen Trickbetrügern schien er mir nicht zu sein – wenn’s denn der selbe ist, woran ich aber fast keine Zweifel hege. Eher schon ein tapsiges Kerlchen, das man vielleicht unter Artenschutz stellen sollte 🙂

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  1. Nein, Mehrwertnummern scheint er keine angerufen zu haben, darauf haben wir schon damals geachtet, und das wäre uns – spätestens bei der Rechnung – aufgefallen. Aber vielleicht schauen wir jetzt doch noch mal ganz genau, zur Sicherheit 😉 [↑]


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