Ein echter Quantensprung für Besserwisser

Nachdem nun auch das von mir sonst so geschätzte medienschelte-Blog dem Quantensprung nicht widerstehen konnte. Mach doch mal ein Experiment: Schreib in irgendein Forum, diese oder jene Entwicklung sei „ein Quantensprung“. Jede Wette, so schnell kann gar kein Quant springen, hüpft jemand hinter seinem Busch hervor und erklärt dir mit leuchtenden Augen:

„Ein Quantensprung ist die kleinste aller möglichen Veränderungen, also das genaue Gegenteil von dem was du wohl sagen wolltest.“ 😉

 

Foto: http://www.flickr.com/photos/bingramos/126661740/

Is ja lieb gemeint, aber ein bisserl nerven’s schon. Diese allgegenwärtigen Besserwisser, die oft weder mit Physik noch Sprache wirklich viel am Hut haben, sondern nur zufällig über dieses Fragment physikalisch sprachlichen Halbwissens gestolpert sind, und es fortan jedem unter die Nase reiben. Ich weiß, wovon ich spreche, bin ja manchmal selbst so einer – nur halt nicht beim Quantensprung, und das hat einen guten Grund:

Sprache ist keine exakte Wissenschaft. Ihre Bilder entziehen sich einer Auslegung nach streng naturwissenschaftlichen Kriterien – selbst wenn sie mal von diesen abgeleitet scheinen. Wer da voreilig andere, wie hier „die Zeit“, der Dummheit zeiht, sollte schon sehr genau wissen, wovon er spricht. Und zwar in beiden Fachgebieten. Selbst dieses renommierte deutsche Wochenblatt (auf das auch „medienschelte“ in seinem Artikel verweist) ist leider nicht davor gefeit, sich im Eifer des Gefechts mal zu vergaloppieren. Und die Wikipedia1) sowieso nicht.

Der Quantensprung im physikalischen Kontext

Vereinfacht ist der Quantensprung ein Übergang von einem Zustand in einen anderen, ohne dass dabei irgendwelche Zwischenzustände angenommen werden. Es handelt sich in der Wahrnehmung um keine kontinuierliche Entwicklung von A nach B, sondern um eine sprunghafte.

Die Metapher vom Quantensprung ergibt also sprachlich durchaus Sinn, wenn ein „plötzlicher“ Fortschritt beschrieben wird, bei dem Zwischenschritte scheinbar ausgelassen wurden. Für das Bild ist nicht relevant, wie „groß“ die Änderung ist, sondern, dass sie ohne die normalerweise erwarteten Zwischenstufen erfolgte.

Ganz abgesehen davon ist ohnehin zweifelhaft, ob die „Größe“ einer Änderung sich daran bemisst, dass wir Menschen sie für „klein“ halten.

Man kann aber noch eine andere Ebene hinzuziehen:

Der Quantensprung im historischen Kontext

Ein kleiner Sprung für ein Teilchen, …

„Dieser kleinste aller möglichen Sprünge hat eine der größten Revolutionen in der Wissenschaft ausgelöst, die in einer Reihe steht mit den Umwälzungen durch die Entdeckungen von Kopernikus, Newton, Galilei oder Darwin.“2)

 

Das rechtfertigt es durchaus, den Quantensprung nicht nur in seiner unmittelbaren physikalischen Bedeutung zu sehen, sondern auch synonym für seine revolutionären, durchaus großen, Auswirkungen.

Etwas kann also ein Quantensprung, z.B. für die Medizin sein, ebenso wie die EM ein Super-GAU oder Waterloo für den österreichischen Fußball sein darf, ohne dass uns ständig erklärt wird, was das „wirklich“ sei.3)

In dubio …

Ob nun im engeren Sinne „abrupt“, oder im weiteren Sinne „revolutionär“, auf jeden Fall beschreibt der Quantensprung eine höchst bemerkenswerte Veränderung.

ha|ns

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  1. Stand: 15.1.2008 [↑]
  2. Zitat von Prof. Dr. Michael Bonitz, Institut für Theoretische Physik und Astrophysik an der Universität Kiel. [↑]
  3. Also jetzt nicht österr. Fußball, den möcht eh keiner erklären, sondern Super-Gau und Waterloo [↑]


4 Kommentare

  1. 1
    tyndra says:

    genau das denk ich mir auch oft. was du beschreibst, ist besserwisserei auf volksschulniveau. maximal. oft gesehen unter denen, die ständig zur schau stellen müssen, wie viele tolle worte sie nicht kennen.

    und dieses wissen müssen sie natürlich auf jeden fall zur schau stellen, auch wenn sie ganz genau wissen, was gemeint ist. wenn jemand dann blöderweise das stichwort quantensprung nicht gibt, muss krampfhaft etwas anderes gefunden werden, um laut ICHWEISSESICHWEISSES!!! zu schreien.

    so geschehen dieser tage in einem geschenkeladen:

    „hey, das ist ja originell!“
    „originell oder ordinär?“ hahahahahaha!

    fesselt die quantenspringer! stopft ihnen knebel in den mund, nehmt ihnen die tastaturen weg, verbannt sie auf die insel, schickt sie in den dschungel!

    [so. ausgekotzt. jetzt gehts wieder *hrhrhr]

  2. 2
    Christoph says:

    Tut mir leid, dass ich da auf den Zug ganz nicht aufspringe. Gewisse inflationär gebrauchte Phrasen gehen mir wirklich auf den Keks. Das mit dem Quantensprung war mir neu. Aber ich sehe diese Retourkutsche als Notwehr an, auch wenn es nicht stimmt.
    In der Welt des Marketings und des Sensationsjournalismus ist alles gleich ein hochkaräriger Quantensprung. Wie sagte einmal ein gescheiter Mensch sinngemäß: „Was heute als innovativ gilt, ist in Wirklichkeit stockkonservativ.“ Also in der Sprachpraxis hat der „Quantensprung“ im übertragenen Sinn IMHO wirklich meistens etwas mit der kleinsten anzunehmenden Veränderung zu tun.
    EM+Österreich=GAU. Was soll daran falsch sein? – Abgesehen von der WM-Qualifikation, wo Österreich hinter Färöer Gruppenletzter werden könnte. Es könnte also ein 2. „Landskrona“ geben.

  3. 3
    Richard says:

    Naja, unsere uns selbst auferlegte Arbeit bei Medienschelte besteht ja in erster Linie aus angewandter Besserwisserei.

    Was nun gerechtfertigt aufgezeigt werden darf und was nicht, ist dann meistens Ansichtssache.

    Schlussendlich halt ich mich generell daran, dass etwas durch häufigen Gebrauch nicht richtiger wird 😉

  4. 4
    Hans says:

    Yepp, der QS wird sehr oft völlig unreflektiert und inflationär ins Spiel gebracht. Manchmal hat man da schon das Bedürfnis nach Notwehr. Und man kann ja durchaus mal ironisch auf die physikalischen Maßstäbe des QS verweisen, wenn sich seine Verwendung durch den Autor anders nicht erschließt.

    So lange das dann nicht als die ausschließliche Wahrheit und (Be)Deutung des QS präsentiert wird, ist das auch völlig in Ordnung. Leider glauben aber inzw. viele (bis hin zur Wikipedia) ebenso unreflektiert, es sei nun sprachlich immer falsch, dieses Bild zu verwenden. Und das, mit Verlaub, verlangt nach Besser-Besserwisserei 🙂

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