Nestroy-Gala vorauseilend zensiert?

Nestroy zensiert?

David Schalko, u.a. Mastermind der genialen „Sendung ohne Namen“, ist verschnupft. Er hatte für die vom ORF übertragene Nestroy-Gala1) das Buch geschrieben. Andere haben dieses dann aber so lange umgeschrieben, bis er es kaum wieder erkannte, und er aus Protest die Urheberschaft zurücklegte. Gleichzeitig kündigte er an, sein „politsatirisches Buch, das sich kein Blatt vor den Mund nimmt“ im Anschluss an die Gala auf seiner Homepage zu veröffentlichen.

So eine vollmundige Eigendefinition schraubt die Erwartungen hoch. Was wurde da den den Veranstaltern (und ev. auch dem übertragenden ORF?) zu heiß, dass sie das Buch so verstümmeln mussten…?

Nun, mittlerweile hab ich „Das originale Buch zur Nestroy-Gala von David Schalko“ gelesen, und fand’s, speziell vom politsatirischen Ansatz her – nun ja – mehr original als originell. Ein Auszug:

Peters: Bestimmt. Was für ein Theaterjahr. Manche haben es verglichen mit dem österreichischen Fußball.

Rois: Ist das jetzt gut oder schlecht?

Peters: Weder noch. Eher eine existentielle Frage – die Frage ist nämlich, ob er überhaupt existiert.

Rois: Sie sehen schon, wir versuchen den Abend möglichst sympathisch zu gestalten.

Peters: Nein, also wirklich, es war eine tolle Saison. Was waren die Highlights? Matthias Hartmann ist noch immer nicht Burgtheaterdirektor.

Rois: Michael Schottenberg noch immer Volkstheaterdirektor.

Peters: Ja, der arme. Obwohl man munkelt, dass Neil Shicoff da schon vorstellig wurde – wenn das nicht klappt, hat ihm Alfred Gusenbauer schon den Teamchefposten versprochen, was jetzt auch schon egal wäre.

[…]

Rois: Und wir haben eine neue Kulturministerin.

Peters: Ja, die arme. Sie hat doch die Gesamtschule vorgeschlagen, was von der ÖVP zunächst abgelehnt wurde, weil sie glaubten, dass dann alle Österreicher in eine Schule gehen müssen.

 

Da ist ja der Villacher Fasching sprühendes Politkabarett dagegen. Wenn das der Grund für vorauseilende Selbstzensur gewesen sein sollte, dann gute Nacht, Österreich. Ich glaube, die Dolchstoßlegende können wir abhaken. So sehr ich diesen genialen Schreiber schätze, vielleicht haben die Moderatorinnen in diesem Fall ja doch nur zwecks Feinschliff zur Feder gegriffen?

Fremdgeh… was?

Und bitte, es ist mir jetzt fast ein bisschen peinlich, aber kann mir jemand noch schnell den Schlussgag mit den Fernsehgebühren erklären? Ich steh da grad total auf der Leitung:

Peters: Bei Ihnen zuhause möchten wir uns bedanken. Uns wurde übrigens noch eine Bitte von Generaldirektor Wrabetz zugetragen. Er ist bereit, jedem, der noch eine Stunde dran bleibt, ein kleines Präsent zukommen zu lassen. Sie sehen: ORF schauen zahlt sich aus.

Rois: Die Fernsehgebühren werden demnächst ja unbenannt in Fremdgehgebühren. Wie auch immer. Auf Wiedersehen und bis nächstes Jahr beim Nestroy 2008.

 

Danke für jeden sachdienlichen Hinweis :-)

ha|ns

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  1. Der „Nestroy“ ist sozusagen, der österreichische Theater-Oscar. Aber das jetzt bloß nicht laut sagen, denn Oscar kann es nur einen geben). [↑]

4 Reaktionen

Kommentare

  1. #1
    tyndra

    vielleicht weil keiner mehr orf schaut? wegen – obwohl umgeschriebener und zensierter „satiren“ – langweiliger sendungen?

    [wasweissich]

  2. Hans
    #2
    Hans

    Oder vielleicht hätt’s ja eigentlich ein „Fremdseh…“ werden sollen…? Holpert zwar auch ein bisserl bemüht daher, zündet aber IMHO etwas besser.

    Was hams eigentlich nun wirklich gesagt, die Damen, am Schluss, in ihrer eigenen Version vom Buch? Hat die Gala wer (bis zum Ende) gesehen?

    lg
    ha|ns

    PS: Ich würd die Fernsehgebühren ja umbenennen in „Schmerzensgeld“ und an die Zuseher auszahlen.

    [abermichfragtjakeiner]

  3. #3
    Christoph

    War ja also nicht so schwer zu verstehen, oder? Als „Salon Helga“-Fan bin ich natürlich ein Spezialist für Quotenwitze. ;-) Ich kann Tyndra nur zustimmen. Es geht um die absackenden Zuherquoten im ORF-Fernsehen.

    Im Bereich Berichterstattung, was eigentlich eine Stärke des ORF sein sollte, hat der ORF IMHO total abgebaut. Das Weltjournal ist mit seinen BBC-Reportagen zumindest ein würdes Nachfolgeformat für den Report International geblieben, allerdings zu einer schlechten Sendezeit. Die ZIB ist ja nur mehr ein Rest von irgendwas, wo ständig „vor Ort“ Nullinformation berichtet wird: „Genaueres ist noch nicht bekannt“ oder „Etwas Anderes als im Bericht davor habe ich eigentlich auch nicht zu sagen.“

    Wenn ich mir einmal am Sonntag die Wochenschau anschaue, weiß ich mehr als nach einer Woche Zeit im Bild. Die beste Nachrichtensendung im ORF ist ohnehin das Mittagsjournal auf Ö1. Dort setzt man eben auf den Informationsgehalt der Sendung und nicht auf journalistisches „PowerPoint“.

    Christoph

  4. Hans
    #4
    Hans

    Nun, die Richtung, in die der Gag gehen sollte, war mir schon ungefähr klar. Nur wo da ein Lacher dabei (r)auskommen soll, nicht.

    Zu deiner Analyse bis hin zum Mittagsjournal kann ich dir nur beipflichten. MJ ist ohnehin Pflichttermin, hab da eine Outlook-Erinnerung in meinem Bürokalender, damit ich nicht vergess, das Handy-Radio anzuwerfen.



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