Herbert und Martha – eine Bahngeschichte

Foto: ha|ns (http://www.flickr.com/photos/x-hibition/)



Eine wahre Geschichte, selbst erlebt…

Vorarlberg?

„Oh Gott – sag jetzt bitte nicht, dass ich in Vorarlberg bin!?“

 

Die junge Reisende hatte geschlafen – bis eben, als ich ihre Abteiltür öffnete. Dabei hatte sie offensichtlich Zeitgefühl und Orientierung verloren.

„Nein, das ist der Intercity nach Wien, und wir sind gerade in Attnang Puchheim.“

 

„In Oberösterreich“, ergänzte ich noch rasch. Ihr nur einen Ortsnamen hinzuwerfen, der außerhalb Vöcklabrucks bestenfalls als Umsteigebahnhof bekannt war, schien mir in ihrer Lage nicht angemessen.

„Wie kommst du darauf, in Vorarlberg zu sein?“

 

Die Panik in ihrem Gesicht war bereits spürbarer Erleichterung gewichen:

„Ich bin kurz nach Salzburg eingeschlafen. Und als ich jetzt aufgewacht bin, habe ich draußen auf der Straße Autos mit Vorarlberger Kennzeichen gesehen. Deshalb dachte ich … da sind schon wieder welche!“

 

Der Zug hatte bereits wieder Fahrt aufgenommen. Die Kennzeichen der parkenden Autos waren aber noch zu erkennen. Tatsächlich begannen die meisten von ihnen mit „VB“ – für Vöcklabruck. Ich musste kurz lachen. Und nachdem ich ihr erklärt hatte, was es mit den „Vorarlberger“ Kennzeichen auf sich hatte, ging es ihr nicht anders.

Wir stellten einander vor. Sie hieß Anita, studierte in Salzburg Psychologie und arbeitete nebenbei im Gastgewerbe.

„Ist hier noch frei?“

 

Herbert und Martha

Die sich anbahnende Zweisamkeit wurde jäh unterbrochen. In der Tat waren noch vier Plätze frei, und es gab keinen vernünftigen Grund, die Frage zu verneinen. Zwei Eheleute, beide gesetzteren Alters, so Anfang 60, traten ins Abteil und nahmen uns gegenüber Platz.

Die Beiden – nennen wir sie der Einfachheit halber Herbert und Martha – machten einen lebenslustigen, unverbrauchten Eindruck. Herberts Statur und Gesichtszüge erinnerten mich entfernt an Kulenkampff, den legendären Showmaster und Entertainer. Die typisch norddeutsche Schiffermütze auf seinem Kopf verstärkte diesen Eindruck noch. Er sprach in einem selbstbewussten aber nicht zu aufdringlichen Tonfall. Martha wirkte im direkten Vergleich etwas zurückhaltender, aber für sich genommen durchaus resolut. Vielleicht waren sie mal Kleingewerbetreibende, die es so zu bescheidenem Wohlstand gebracht hatten. Ich konnte mir die Beiden jedenfalls gut als Betreiber eines kleinen Greißlerladens vorstellen.

Wir kamen ins Gespräch. Wie wir allerdings aufs Annähen von Hemdknöpfen kamen, kann ich beim besten Willen nicht mehr sagen. Herbert jedenfalls, konnte es. Das Annähen, wie er stolz erzählte. Und noch mehr: Auch aufs Waschen und Kochen verstünde er sich prächtig, seit Martha einmal wegen Krankheit eine Woche außer Gefecht gewesen sei. Dem beipflichtenden Nicken seiner Gattin entnahm ich, dass Herberts Fähigkeiten sich nicht allein in wortreichen Schilderungen erschöpften, sondern tatsächlich Eingang in die gemeinsame Hausarbeit gefunden hatten. Das ist alles andere als selbstverständlich. Noch dazu in dieser Generation. Meine Sympathie für die beiden wuchs.

Angst in Wien…

Die Rede kam auf unsere Reiseziele. Herbert und Martha waren nach Wels unterwegs, ich nach Linz und Anita in die Bundeshauptstadt, zu ihrem Freund. Martha schien dieser Gedanke zu widerstreben:

„Also ich hätte da Angst.“

 

Unter Anitas und meinen fragenden Blicken setzte sie fort:

„Wenn ich da in der U-Bahn fahren müsste … die vielen Ausländer. Ich würd mich da unwohl fühlen.“

 

Beipflichtendes Nicken von Herbert. Von ihm erfahren wir auch, dass die Beiden bislang kaum aus ihrem Heimatort raus gekommen waren. Vielleicht eine Erklärung für Marthas Bedenken. Ich beließ es bei der Anmerkung, dass halt oft gerade dort, wo nur wenig Kontakt besteht, die Angst vor dem Unbekannten am größten sein kann. Weiter wollte ich dieses Thema mit Herbert und Martha nicht vertiefen. Anita war auch schon sehr schweigsam geworden und die kurze Zeit bis zum Zielbahnhof der Beiden ließe sich bestimmt auch erfreulicher gestalten, dachte ich.

… und ein Schuss ins Knie

Unsere unterschiedlichen Ansichten lenkten Herberts Gedanken offenbar auf den Generationenkonflikt im Allgemeinen und die „Jugend von Heute“ im Speziellen. Über seltsame Modeerscheinungen, den Mangel an Respekt und Führung, und dass dies früher doch besser gewesen sei. Zugegeben, selbst wir Jüngeren im Abteil vermochten uns seinen Eindrücken nicht völlig zu entziehen. Im Gegenteil, einige seiner Beobachtungen konnten wir durchaus teilen.

Ich fragte mich gerade, welche Alterserscheinungen ich wohl demnächst noch an mir wahrnehmen würde, da wusste auch Martha eine Geschichte beizusteuern:

„Ich war mit dem Rad unterwegs. Vor mir sind ein paar Dreizehn-/Vierzehnjährige auf dem Radweg gegangen. Ich hab nur einmal kurz geklingelt, damit ich vorbei kann. Hör ich doch, wie einer von denen sagt: ‚Geh, die alte Hur hat eh genug Platz!‘“

 

Martha war immer noch sichtlich erregt über den Vorfall. Was sich der Halbwüchsige erlaubt hatte, war ja wirklich kein Ausdruck guter Kinderstube gewesen. Andererseits sollte man sich nicht zu Herzen nehmen, was einem Pubertierende in ihrem Imponiergehabe vor Freunden nachrufen.

Noch bevor ich etwas in dieser Art sagen konnte, warf Herbert mit dem gütigsten Opa-Lächeln auf den Lippen ein:

„Also, wenn ich da eine Krachn dabei hätt, dem würd ich in die Beine schießen. Das würd er sich merken, der wär so schnell nicht wieder frech!“

 

Beipflichtendes Nicken von Martha.

Mir fehlten – und das ist eher selten – die Worte. Auch Anita war sichtlich befremdet. Er hatte das einfach so gesagt, als wäre es das Normalste der Welt. Und während er – für mich irgendwo, weit entfernt – weitersprach, lächelte er immer noch. Nur „gütig“ wäre mir nicht mehr in den Sinn gekommen.

ha|ns



5 Kommentare

  1. 1
    Johannes says:

    du missverstehst da was…
    ein schuss ins bein IST ja schon gütig! man könnte ja auch in den kopf schiessen.

  2. 2
    Hans says:

    Ja, ich weiß auch nicht, ich bin da manchmal einfach zu radikal und vorschnell in der Beurteilung meiner Mitmenschen *g*. Sollte vielleicht etwas nachsichtiger werden. Aber vielleicht ist das ja auch eine Alterserscheinung, die noch kommt :)

  3. 3
    tyndra says:

    und wir hören immer, die JUGEND sei gewaltbereit. *tztztz* :)

  4. 4
    Hans says:

    Zum Glück kennen wir die Kinder der beiden nicht – sofern vorhanden.

  5. 5
    tyndra says:

    und ich dachte immer, die jugend wär radikal *tztztz*

    [auf eine wundersame weise schaffe ich es ziemlich häufig in deinem blog, zwar kommentare zu verfassen, die aber nicht ordentlich abzuschließen. it ain´t easy! – du siehst: mit dem alter ist nicht wirklich was gewonnen, ausser ein bisschen nachsicht ;)]